Nur dieses Mal dürfte der Schuss nach hinten losgegangen sein. Denn die dargelegten Informationen belegen eindrucksvoll, dass die in den letzten 10 Jahren registrierten Wildunfälle auf der B 212 nicht mit freilaufenden Hunden in Verbindung standen.

Bleistiftzeichnung: Mischling Sheila

     © Birgit Lemke

Wie die Nordwest-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 28.09.13 (Artikel >>) berichtet, passierten in den zurückliegenden 10 Jahren nach Angaben des Hegeringleiters Jörg Hullmann 30 Unfälle mit Rehen auf der B 212 im Bereich des Stadtwaldes/des Hundefreilaufgebiets. Diese Unfälle ereigneten sich fast ausschließlich in den frühen Morgenstunden, den späten Abendstunden oder in der Nacht. Also zu Zeiten, in denen in der Regel überhaupt keine Hunde im Freilaufgebiet anwesend sind. (Offener Brief an Hr. Hullmann >>)

Angesichts der Tatsache, dass das Hundefreilaufgebiet während seiner Existenz von inzwischen fast 13 Jahren tausendfach von Hunden durchstöbert wurde, sieht die Statistik hinsichtlich von Hunden verursachter Unfälle auf der B 212 bedeutend besser aus. Lediglich ein Unfall mit einem Hund wurde registriert. Dieser ereignete sich im März dieses Jahres und: Er wäre vermeidbar gewesen. Hierauf werde ich im Folgenden noch eingehen.

An den 30 Wildunfällen in den letzten 10 Jahren waren also in 100 Prozent aller Fälle keine Hunde beteiligt. Ein einziger durch einen Hund verursachter Unfall in einem Zeitraum von 13 Jahren bei tausendfacher Nutzung des Hundefreilaufgebiets bedeutet eine Quote im kaum wahrnehmbaren Promillebereich. Was jedoch nicht heißen soll, dass nicht auch dieser Unfall besser nicht geschehen wäre.

Unfall mit Hund wäre vermeidbar gewesen

Wie schon vorstehend erwähnt, wäre sogar dieser eine Unfall inklusive aller damit verbundener Schäden vermeidbar gewesen. Denn im Rahmen des Rückbaus der im Hundeauslaufgebiet liegenden Erdbaustelle wurde auch das dort befindliche Eingangstor entfernt und somit entstand eine Gefahrenstelle, an der sowohl das Rehwild als auch die dort laufende Hunde förmlich zum Überlaufen der Bundesstraße eingeladen wurden. Denn weder ein Graben noch ein sonstiges Hindernis versperrte von nun an den Weg.

Über diese Gefahrenquelle wurde der Ordnungsamtsleiter unserer Stadtverwaltung schon im Herbst/Winter 2011 von mir unterrichtet und als Anfang 2012 der erste Hund dort auf die Fahrbahn lief, wurde ich an gleicher Stelle vorstellig um noch einmal nachdrücklich auf die Erforderlichkeit eines Schutzzaunes hinzuweisen. Als erste Resonanz erfuhr ich seinerzeit, dass die Stadt Nordenham für einen solchen Schutzzaun kein Geld erübrigen könne und dass diese Angelegenheit nicht den Zuständigkeitsbereich des Ordnungsamtsleiters tangieren würde.

Der finanziellen Not der Stadtkasse konnte erfolgreich dadurch begegnet werden, dass sich einige Hundefreunde bereit erklärten, den Schutzzaun in Eigenleistung zu beschaffen und zu errichten. Jedoch war auch eine Genehmigung für die Errichtung des Zaunes erforderlich. Angesichts der sich abzeichnenden Gefahrensituation sollte man meinen, dass sich auch eine solche Genehmigung in angemessener Zeit auf dem kleinen Dienstweg hätte einholen lassen. Dem war jedoch nicht so: Man verwies von einem Zuständigen zum nächsten und es vergingen sage und schreibe 15 Monate, bis wir für die Errichtung des Zaunes die erforderliche Erlaubnis erhielten. So hätte der Zaun nicht erst im Juni dieses Jahres, sondern schon im Frühjahr 2012 seinen angestrebten Zweck erfüllen können und der Hund, der im März dieses Jahres auf die Bundesstraße lief, wäre hieran gehindert worden.

Bleistiftzeichnung: Boxerwelpe

             © Birgit Lemke

Auch Jäger hätten Gefahrenquellen rechtzeitig erkennen müssen

Diese und noch eine weitere Gefahrenquelle hätten jedoch auch von den Jägern rechtzeitig erkannt werden müssen. Potenzial für mögliche Hund/Rehwildkonflikte im Hundeauslaufgebiet ergab sich nämlich auch an anderer Stelle durch Untätigkeit seitens der Jägerschaft. Ein Wildschutzzaun, der im Rahmen der Beratungen über das Hundeauslaufgebiet von der damaligen AG Verantwortungsbewusste Hundehalter empfohlen und rechtzeitig zur Eröffnung des Hundefreilaufgebiets von der Stadt Nordenham zwischen Ruhezone und Hundefreilaufgebiet errichte wurde, wurde im Frühjahr 2005 mutwillig zerstört. Während die Zerstörung des Schutzzaunes, der präventiv eventuellen Begegnungen von Hunden und u.a Rehwild entgegen wirken sollte, seitens der Hundefreunde beim Bauhof gemeldet wurde (leider ohne Konsequenzen), duldet die Jägerschaft diesen Zustand seit nunmehr 8 Jahren. Ein intakter Zaun hätte jedoch die Durchwanderung des Hundefreilaufgebiets durch das Rehwild gar nicht erst ermöglicht und somit schon weit vor der Bundesstraße für eine erhebliche Gefahrenreduzierung gesorgt. Die heute seitens der Jägerschaft beschriebenen Gefahren wurden also zu einem Großenteil durch Untätigkeit derselben forciert.

Wäre ein Leinenzwang im Hundefreilaufgebiet angemessen und zielführend?

Die Stadt Nordenham könnte basierend auf das Niedersächsische Sicherheits- und Ordnungsgesetz einen Leinezwang im Hundefreilaufgebiet verhängen. Dies würde jedoch u.a. voraussetzen, dass einer solchen Maßnahme eine belastbare Gefahrenprognose zugrunde liegt, dass sie angemessen und zielführend ist.

Wenn jedoch über einen Zeitraum von 13 Jahren bei tausendfacher Nutzung ein einziger Hund für einen Unfall sorgt und aus diesem Grund das Hundefreilaufgebiet für ca. 1800 Nordenhamer Hunde durch einen dortigen Leinenzwang seinen Zweck nicht mehr erfüllen kann, so wird der Voraussetzung der Angemessenheit mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht Rechnung getragen.

Wenn an sämtlichen Unfällen mit Rehwild in den letzten 10 Jahren nie ein Hund beteiligt war, dann kann und wird ein Leinenzwang im Hundefreilaufgebiet auch zukünftig diese Art von Unfällen nicht verhindern können. Zumal sich die Unfälle schwerpunktmäßig zu Zeiten ereignen, in denen im Hundefreilaufgebiet ohnehin keine Hunde anwesend sind. Somit wäre ein Leinenzwang für Hunde im Hundefreilaufgebiet zweifelsfrei nicht geeignet das angestrebte Ziel, die Wildunfälle auf der B 212 zu reduzieren, zu erreichen.

Wenn man angesichts der vorstehend geschilderten Umstände dennoch zu der Auffassung gelangt, dass man den Rehwildunfällen auf der B 212 mit einem Leinenzwang im Hundefreilaufgebiet minimierend begegnen kann, so kann den diesbezüglichen Erwägungen keine zutreffende Gefahrenprognose zugrunde liegen. Denn aus den seitens der Jägerschaft eigens dargelegten Informationen lassen sich die freilaufenden Hunde im besagten Areal nicht ansatzweise als Ursache für die Wildunfälle erkennen.

Jäger sind selbst Hundebesitzer und Tierfreunde und fordern Hundefreilaufgebiete

Die Jägerschaft mag noch so oft beteuern, wie sehr man auch dort – weil selbst Hundehalter, Heger und Pfleger und selbstverständlich auch Tierfreund – die dringende Notwendigkeit von Hundefreilaufgebieten im Stadtgebiet sehen würde. Das kann, angesichts der offensichtlich absurden Argumentation, aus hiesiger Sicht nicht darüber hinwegtäuschen, dass der tatsächliche Antrieb der besagten Herrschaften in dieser Angelegenheit nicht dem vorgegebenen entspricht.

Bleistififtzeichnung: Am Staff

             © Birgit Lemke

Was man in der Jägerschaft unter Hundeerziehung (Abrichtung), artgerechte Hundehaltung und Tierschutz versteht, veranschaulichte mir vor einigen Jahren ein Mitglied dieser Gilde sehr eindrucksvoll und nachhaltig: Ein junger Jagdhund war seinem „Herren“ ausgebüxt und folgte mir und meinem Hund. Als er uns einholte blieb er einige Meter vor und stehen. Es dauerte nicht lange bis sein „Herr“ mit seinem Auto angerast kam und, ganz offensichtlich sehr erbost über das Verhalten seines Hundes, diesen zunächst mit dem Fahrzeug anfuhr. Nicht heftig, aber allein diese Tat sprach für mich schon Bände.

Wortlos stieg der Jägersmann aus seinem Fahrzeug, öffnete die Heckklappe seines Fahrzeugs um sich eine Leine zu holen und ging wortlos forschen Schrittes auf seinen Hund zu, um diesen anzuleinen. Mit dem angeleinten Hund begab er sich dann hinter sein Fahrzeug, um den Hund mit der Leine an der Anhängerkupplung anzubinden. Sodann wandte er sich einem Weidebusch zu, um hiervon einen daumendicken Ast abzubrechen und mit diesem seinen Hund so dermaßen zu verdreschen, dass dieser panisch vor Angst und Schmerz zu kreischen begann. Als ich diese brutale  Person dazu aufforderte, ihre tierschutzwidrige Handlung sofort einzustellen, entgegnete mir diese, dass ich von Hundeausbildung ja wohl ganz offensichtlich überhaupt keine Ahnung hätte. Als ich diese Person nach unfruchtbarer Diskussion nach ihrem Namen befragte und kundtat, dass ich eine Anzeige erstatten würde, wurde ich auch noch mit erhobener Faust von ihr bedroht.

Nichts liegt mir ferner als aufgrund eines unangemessenen Verhaltens einer Person eine ganze Gruppe oder Interessengemeinschaft unter Generalverdacht zu stellen. Aber als ich etwas später erfuhr, dass diesem üblen Tierquäler als Hundeobmann eines Hegerings die Ausbildung der Jagdgebrauchshunde aller Mitglieder oblag, überkamen mich die schlimmsten Befürchtungen. Und in all den Jahren, in denen ich mich nun äußerst intensiv mit der Hundehaltung und – erziehung unter tierschutz- und ordnungsrechtlichen Gesichtspunkten befasse, wurde mir sehr häufig von fachkundigen Stellen bestätigt, dass diese Befürchtungen nicht unbegründet sind.

Jagd und Tierschutz

Abgesehen davon entzieht es sich meinem Verständnis, wie man angesichts der heutigen Ausrüstung und der daraus resultierenden Chancenlosigkeit der Tiere überhaupt noch von Jagd sprechen kann. Auch die Form der Jagd (Treib- bzw. Drückjagden) ermöglicht es kaum noch die alten, kranken und schwachen Tiere zu selektieren – angestrebt ist ohnehin die größtmögliche Trophäe/Ausbeute. Und völliges Unverständnis ruft es meinerseits hervor, wenn das Töten von absolut chancenlosen Tieren, das auch noch ohne jegliche Not (Hunger, Bedrohung etc.) geschieht, zu einem Hobby und einer Freizeitbeschäftigung erklärt wird und hiermit auch noch tierschutzrechtliche Ambitionen verknüpft sein sollen.

Bleistiftzeichnung: Mischlinge

                      © Birgit Lemke

Dort, wo fachlich fundiert ausgebildete Wildhüter/Berufsförster die Jagd gewissenhaft nach Kriterien wie z. B. Überalterung, Krankheit, Überpopulation betreiben, wird sicherlich auch dem Gedanken des Tierschutzes Rechnung getragen. In der in unseren Gefilden von „Hobby-Jägern“ praktizierten Form der Jagd vermag ich jedoch weder tierschutzrechtliche Aspekte noch einen respektvollen Umgang mit unseren tierischen Mitgeschöpfen zu erkennen.

Inzwischen empfinde ich es nur noch als müßig und ausgesprochen nervig, ständig die absurden Argumente und durchsichtigen Versuche der Jägerschaft zu kommentieren. Denn schließlich bemüht man sich im besagten Kreise inzwischen schon seit Eröffnung des Hundefreilaufgebietes mit zunehmender Intensität, den Nordenhamer Hundefreunden diese wertvolle Einrichtung zu zerstören. Und ich glaube, es geht nicht nur mir alleine so. Einem Großteil unserer Mitbürger wird dieses Thema inzwischen förmlich zum Halse heraushängen. Insofern möchte ich abschließend an die Jägerschaft appellieren, dass sie sich damit abfinden möge, dass auch den Bedürfnissen anderer Menschen Rechnung getragen werde muss – auch wenn diese nicht über eine mächtige Lobby verfügen.

Thomas Henkenjohann, September 2013