Qualzucht

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Intellektuelle Erkenntnisse sind Papier. Vertrauen hat immer nur der, der von Erfahrenem redet.(Hermann Hesse)

Bleistiftzeichnung: Kuddel

© Birgit Lemke/in-sachen-hund.de

Mit Datum vom 02.06.1999 veröffentlichte das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft das „Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen)“ – hier in Kurzform als Qualzuchtgutachten bezeichnet. Der damals amtierende Bundeslandwirtschaftsminister, Herr Karl-Heinz Funke, äußerte sich hierzu im Vorwort wie folgt: „Das vorliegende Gutachten steht in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Tierschutzgesetz (TierSchG). Ziel dieses Gesetzes ist es, das Leben und Wohlbefinden der Tiere als Mitgeschöpfe des Menschen zu schützen. Grundsätzlich darf niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.(…) Mir ist bewusst, dass dieses Gutachten auch kritische Reaktionen auslösen wird. Ich wünsche mir, dass sich hierdurch verursachte Diskussionen im Sinne des Tierschutzes positiv auswirken und zu weiteren wissenschaftlich fundierten Informationen führen werden, um Qualzuchten zu vermeiden.“

Jeder Mensch, der das Tier tatsächlich als Mitgeschöpf achtet, der sich für eine respektvolle Behandlung der Tiere engagiert, wird inzwischen nicht selten verzweifelt erfahren haben, dass das Tierschutzgesetz keine hinreichende Gewähr für einen tatsächlich angemessen Schutz der Tiere bietet. Ein Leben ohne Leid wird unseren Mitgeschöpfen nämlich nur solange eingeräumt, wie sich keine Beeinträchtigungen – insbesondere materieller Natur – für den Menschen abzeichen. Ergeben sich auch nur die geringsten Anzeichen dafür, dass hiermit ein wirtschaftlicher Mehraufwand verbunden ist, steht das Wohlbefinden unserer Mitgeschöpfe umgehend an zweiter Stelle. Beispielhaft sollen hier lediglich die Bereiche Tierversuche und Nutztiere sowie alle damit verbunden Haltungs- und Transportbedingungen benannt werden. Ein Gesetz, das in vielen Bereichen nicht ansatzweise erfüllt was sein Name verspricht.

Unter diesem Gesichtspunkt darf es wohl auch kaum große Verwunderung hervorrufen, dass durch das vollmundig als „Gutachten“ bezeichnete Büchlein (Qualzuchtgutachen) des Bundeslandwirtschaftsministeriums bisher keine signifikanten Verbesserungen zum Schutze unserer Mitgeschöpfe hervorgerufen werden konnten. In einem Fall entfalten die hierin enthaltenen Ausführungen sogar ganz erhebliche gegenteilige Wirkung: Diese wurden genutzt, um die Rasselisten in den Landeshunderegelungen jurisisch zu etablieren und deutschlandweit die Tötung hunderter Hunde und die Kriminalisierung tausender Hundehalter zu legitimieren.

In einem Punkt jedoch sollte der Herr Minister Funke Recht behalten: Das „Gutachten“ hat, und das berechtigt, zum Teil ganz erhebliche Kritik erfahren. So wurde z. B. von versierten Experten bemängelt, dass sich das für das „Gutachten“ verantwortliche Gremium mit zum größten Teil völlig veralteter Literatur auseinandersetzte; das neueste Untersuchungsergebnisse hierin nicht berücksichtigt wurden und daher die Beurteilungsgrundlagen unvollständig und teilweise sogar falsch sind.

Bleistiftzeichnung: Bullterrier-Hündin Joice

© Birgit Lemke

Fraglich erscheint mir angesichts des inhaltlichen Umfangs, der hier den einzelnen Merkmalen/Symptomen beigemessen wurde, wie man überhaupt auf den Gedanken kommen konnte, dieses Büchlein als Gutachten zu bezeichnen. Der Raum, der den einzelnen Merkmalen/Symptomen beigemessen wurde, beschränkt sich durchschnittlich auf eine mit großzügig bemessenen Absätzen und Seitenrändern versehenen DIN A5-Seite. Die Merkmale/Symptome bzw. deren Vorkommen werden unter Verweis auf zum Teil irrelevanter, zum Teil völlig veralteter Literatur und/oder vermeintlicher mündlicher Mittelungen von den Mitgliedern des Gremiums kurz und unpräzise beschrieben. Die Mitglieder des Gremiums stammen aus Bereichen, die sich zum Teil mit den beschriebenen Merkmalen/Symptomen fachlich gar nicht hinreichend befassen und liefern letztendlich unzureichende und falsche Ergebnisse sowie Empfehlungen.

Unter einem Gutachten wird landläufig aber sehr viel mehr verstanden. Und so kann dieses Pamphlet bestenfalls engagierten, in den jeweils zutreffenden Fachbereichen spezialisierten Experten zur Erstellung tatsächlich verwertbarer Puplikationen, die der Bezeichnung Gutachten gerecht werden, als Ansporn dienen. Gemäß meiner sehr intensiven Beschäftigung mit dem Thema „Entstehung gefährlicher Hunde“ sowie den hieraus resultieren Missverständnissen, Hunderegelungen, tierschutzrelevanten sowie gesellschaftspolitischen Auswirkungen, werden ich mich an dieser Stelle schwerpunktmäßig mit der Passage 2.1.1.2.6. Verhaltenstörung: Hypertrophie des Aggressionsverhaltens befassen.

Bleistiftzeichnung: AmericanStaffordshire Terrier-Hüdin Maja

© Birgit Lemke/in-sachen-hund.de

Ich stehe jedoch allen Anregungen hinsichtlich der anderen, auf den Hund bezogen, in dem besagten „Gutachten“ beschriebenen Merkmale/Symptome offen gegenüber und wäre für die Zusendung von diesbezüglichen Beiträgen und anderen Publikationen äußerst dankbar. Den Inhalt der Passage 2.1.1.2.6 Verhaltensstörung: Hypertrophie des Aggressionsverhaltens und von mir erstellte Beiträge zum Thema finden Sie direkt im Anschluss an diese Zeilen.

Ihr Team von in-sachen-hund.de

 


 

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Die Passage „2.1.1.6 Verhaltensstörung: Hypertrophie des Aggressionsverhaltens“

(PDF-Dokument >>)

 

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Kommentar zum „Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzüchtungen)“ – Verhaltensstörungen: Hypertrophie des Aggressionsverhaltens.

         © Birgit Lemke/in-sachen-hund.de

Eigener Beitrag

Vielfach wird die Passage des oben genannte „Gutachtens“ von Journalisten und auch von einigen unaufgeklärten Politikern falsch interpretiert. Aus diesem Anlass möchten wir nachfolgend zum Gutachten selbst, zu den Fehlinterpretationen und anderen oft aufgegriffenen Vorurteilen und Behauptungen Stellung nehmen. (Beitrag als PDF-Dokument >>)

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Das Qualzuchtgutachten – Passage „2.1.1.2.6 Verhaltensstörung: Hypertrophie des Aggressionsverhaltens“

Eigener Beitrag

Kritische Auseinandersetzung mit der Passage „Verhaltensstörung: Hypertrophie des Aggressionsverhaltens“ – Fragen an die Mitglieder der verantwortlichen Sachverständigengruppe und Gegenüberstellung der erhaltenen Antworten mit den Stellungnahmen von Experten der betreffenden Fachkreise. (Beitrag als PDF-Dokument >>)

 

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Stellungnahme vom 10.10.2002 zum Entwurf des neuen Niedersächsischen Hundegesetzes (NHundG)

Prof. Dr. Hansjoachim Hackbarth Tierschutzzentrum – Tierärztliche Hochschule Hannover

Bleistiftzeichnung: Bullterrier-Hündn Joice

           © Birgit Lemke

…Stellt sich somit die Frage, worauf sich der Gesetzgeber (Bund/Länder) bei der Aufstellung derartiger Rasselisten stützt. Den Rasselisten liegt ein Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes, vom 2.6.1999 angefertigt im Auftrag des damaligen Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (2000) zugrunde. Dort ist unter Kapitel 2.1.1.2.6 ausgeführt:“ Übersteigertes Angriffs- und Kampfverhalten, das leicht auslösbar und biologisch weder bezüglich Zweck noch Ziel sinnvoll ist. (…) Kann grundsätzlich in vielen Rassen oder Zuchtlinien auftreten, zeigt sich jedoch besonders ausgeprägt in bestimmten Zuchtlinien der Bullterrier, American Staffordshire Terrier und Pit Bull Terrier.“

Als wissenschaftliche Begründung wird Feddersen-Petersen (1996) zitiert; in der Literaturliste heisst es dann Feddersen-Petersen (1996) pers. Mitteilung. Die dieser angeblichen persönlichen Mitteilung zugrunde liegenden Orginalarbeiten George (1995) und Redlich (1998) werden nicht angeführt. So schreibt George (1995) über die Bullterrier: „Hyperaggressivität in Form von Beschädigungsbeißen oder Gruppenangriffen, wie für eine österreichische Bullterrierzuchtlinie beschrieben (Schleger 1983), wurden bis zum 50. Lebenstag bei den untersuchten Bullterrierwelpen jedoch nicht beobachtet.“ (Stellungnahme als PDF-Dokument >>)

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Stellungnahme zum Kapitel 2.1.1.2.6 des Gutachtens zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes

A. Univ. Prof. Dr. Irene Stur, Veterinärmedizinische Universität Wien

 13.06.2001

In Hinblick auf die Konsequenzen für Hunde und Hundebesitzer, die sich aus der Interpretation des genannten Kapitels des Gutachtens durch Gesetzgeber ergeben, stellen die in dem genannten Kapitel getätigten Aussagen keine wissenschaftlich abgesicherte Grundlage für die Annahme der besonderen Gefährlichkeit bestimmter Hunderassen dar. (Stellungnahme als PDF-Dokument >>)

 

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Qualzucht – Ein für die Hundezucht zutreffender Begriff?

Frau Dr. Eichelberg – ehem. akad. Direktorin des Zoologischen Instituts der Universität Bonn

Bleistiftzeichnung: Chinesischer Schopfhund

              © Birgit Lemke

Würde diese Frage mit einem kurzen „Ja“ oder „Nein“ beantwortet, so hieße dies, sich die Sache zu einfach zu machen. Es handelt sich hier um ein sehr ernstzunehmendes Problem, dem man nur mit einer sachlichen und zugleich kritischen Beztrachtung gerecht werden kann. (Artikel als PDF-Dokument >>)

 

 

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Qualität und Aussagekraft des Qualzuchtgutachtens

Frau Dr. Eichelberg – ehem. akad. Direktorin des Zoologischen Instituts der Universität Bonn in ihrer Funktion als Vorsitzende des „Engeren Wissenschaftlichen Beirates des Verbandes für das Deutsche Hundewesen“

 Januar 2000

Die zitierte Literatur ist meist älteren Datums. Da neueste Untersuchungsergebnisse fehlen, Beurteilungsgrundlagen sind unvollständig, zum Teil sogar falsch und werden dem Anliegen somit nicht gerecht. (Artikel als PDF-Dokument >>)

 

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Auszüge aus einer Stellungnahme von Frau Dr. Feddersen-Petersen vom 12.08.2001

Dr. Dorit Feddersen-Petersen
ETHOLOGIN
Fachtierärztin für Verhaltenskunde
Zusatzbezeichnung Tierschutzkunde
Institut für Haustierkunde
CHRISTIAN-ALBRECHTS-UNIVERSITÄT zu Kiel
Bleistiftzeichnung: Staffordshire Bullterrier

               © Birgit Lemke

Die „Herausnahme“ der benannten Rassen oder bestimmter Zuchtlinien ist willkürlich und somit wenig hilfreich für den Tierschutz und sinnlos für die Gefahrenabwehr. Es geht doch um die Benennung bestimmter Kriterien (inadäquates Aggressionsverhalten), das auf Hundepopulationen, die sie zeigen, anzuwenden ist. Eine Extrapolation auf Rassen ist nicht gerechtfertigt. (mehr …)

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