Vor 20 Jahren fletschte er uns aus jeder Zeitung an, heute scheint er ausgestorben: der Kampfhund. Doch er hat Nachfolger gefunden.

Prof. Dr. Thomas Fischer, Bundesrichter in Karlsruhe, Vorsitzender des 2. Strafsenats

Aktuelles: Wohnungseinbruch endlich abgeschafft!

Bleisiftzeichnung: English Bulldog

© Birgit Lemke

Liebe BürgerInnen! Ich kann Ihnen heute die freudige Mitteilung machen, dass der Wohnungseinbruch in Deutschland in Kürze abgeschafft werden wird. Noch vor Weihnachten, so teilt das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) mit, wird ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, wonach die Strafzumessungsregel über „minder schwere Fälle“ des Einbruchs gestrichen wird. Bislang ist der Wohnungseinbruchsdiebstahl mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bedroht, in „minder schweren Fällen“ mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren (Paragraf 244 StGB). Der Bundesminister hat nun ermittelt, dass eigentlich jeder Fall eines Wohnungseinbruchs „schwer“ ist, weil er vom Opfer als echte Sauerei sowie als Beeinträchtigung seiner Privatsphäre empfunden wird. Beides kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Wenn zum Beispiel ein nicht vorbestrafter Gelegenheitstäter in Ihrer Abwesenheit das gekippte Fenster Ihres Hobbyraums öffnet und Ihr Lieblingspaar signalgelbe Sportschuhe mitgehen lässt, reichen fünf Jahre Freiheitsstrafe nun wirklich nicht aus!

Der Bundesminister folgt mit der geplanten Neuregelung dem bewährten Konzept, das schon sein Vorvorvorvorgänger 1998 angewandt hat: Bis dahin war der Einbruchsdiebstahl in Paragraf 243 Strafgesetzbuch geregelt und konnte mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu zehn Jahren bestraft werden. Das reichte natürlich nicht, sodass man den Einbruch in Wohnungen im sechsten Strafrechtsreformgesetz – dem 168. Änderungsgesetz zum StGB in 120 Jahren – in Paragraf 244 verschob und die Mindeststrafe anhob, damit das Einbrechen in Wohnräume nun endlich mal ein Ende habe. Nach 18 Jahren hat man jetzt aber festgestellt, dass der sensationelle Abschreckungseffekt der damaligen Maßnahme bedauerlich nachgelassen hat. Daher muss – knapp 100 Änderungsgesetze später – endlich wieder einmal ein Zeichen gesetzt werden.

Die Streichung sogenannter „minder schwerer Fälle“ ist ein bewährtes Mittel im Kampf gegen das Verbrechen. Nehmen wir den sexuellen Missbrauch von Kindern (Paragraf 176 StGB): Früher gab es hier einen „minder schweren Fall“ mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren. Das ging natürlich gar nicht, und zwar mit der (ernsthaften!) Begründung, dass es Opfern dieser Straftat nicht zugemutet werden könne zu hören, ihr Fall sei ein „minder schwerer“. In demselben Gesetz schuf der Gesetzgeber in Paragraf 176a StGB den „schweren sexuellen Missbrauch von Kindern“; der liegt zum Beispiel vor, wenn es bei der Tat zu einem „Eindringen in den Körper“ gekommen ist (Freiheitsstrafe von zwei bis 15 Jahre). In Absatz 4 dieser Vorschrift wurde der „minder schwere Fall“ des schweren Missbrauchs geregelt. Was lernen wir daraus? Die Opferpsyche ist ein flüchtiges Wesen: Sie kann es nicht ertragen, wenn ein einfacher Fall „minder schwer“ genannt wird, findet es aber prima, wenn der Täter wegen eines „minder schweren Falls des schweren Falls“ verurteilt wird.

Dieses sprachlich wie gedanklich innovative Konzept scheint uns ausbaufähig. So könnte man zum Beispiel die Ansicht vertreten, „Totschlag“, Raub, erpresserischer Menschenraub oder Geiselnahme seien in der Regel ziemlich schwere Taten, welche das Opfer oder dessen Hinterbliebene unangenehm berühren. Was also liegt näher, als die dort jeweils vorgesehenen „minder schweren Fälle“ endlich zu streichen? Hier tut sich ein weites Feld für Reformbemühungen auf.

Bullterrier-Hündin "Joice"

© Birgit Lemke

Am Horizont ahnt man ein Konzept für den Bundestagswahlkampf 2054: Man könnte die Kriminalität eigentlich ganz abschaffen. Zum Beispiel, indem man für alle Taten die lebenslange Freiheitsstrafe androht. In Amerika (Nord) erprobt man dieses mutige Konzept unter dem Namen „Three Strikes and You’re Out“ – bei der dritten Straftat, gleich welcher Schwere, gibt’s Lebenslang. Bekanntlich begeht seither jeder Amerikaner höchstens noch zwei Straftaten im Leben. Dem Vernehmen nach soll von der nächsten Administration eine Börse nach dem Vorbild des Emissionshandels geplant sein, um dem Ganzen noch mehr marktwirtschaftlichen Drive zu geben.

Wir wollen aber nichts überstürzen! Vorerst könnten wir einmal darüber nachdenken, wie es mit der „Brandstiftung“ (Paragraf 306 StGB) und der „schweren Brandstiftung“ (Paragraf 306a StGB) und der „gefährlichen Körperverletzung“ (Paragraf 224 StGB) steht, die bekanntlich allesamt „minder schwere Fälle“ vorsehen. Obwohl doch, liebe Deutsche, möglicherweise auch so ein Syrer aus Syrien oder ein Sudanese aus dem Sudan es nicht schön findet, wenn ihm der Container unter dem Hintern angezündet oder die Knochen gebrochen werden von um die Sicherheit besorgten Bürgern.

Eine sehr ernsthafte Bedrohung der Menschheit

Auch hörten wir, die angezeigte Zahl von Volksverhetzungstaten sei im letzten Jahr um 230 Prozent gestiegen. Wie wäre es, wenn man hier einmal mit dem bewährten eisernen Besen des BMJV kehren und den Strafrahmen auf ein bis zehn Jahre erhöhen würde – mit Ausnahmen für „minder schwere Fälle“, versteht sich?

Sie können hier also, liebe BürgerInnen, wieder einmal live miterleben, wie sich Schritt für Schritt der alte österreichische Gesetzesentwurf durchsetzt, der lautet:

Absatz 1: Wer einen Bundesminister beleidigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft.
Absatz 2: Wer den Bundeskanzler beleidigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft.
Absatz 3: Die Beleidigung des Bundespräsidenten ist überhaupt verboten.  

Zur Hauptsache

Liebe Leserinnen und Leser, ich hoffe, dass Ihnen die Überschrift der Kolumne mitten im Adventsfrieden keinen allzu großen Schrecken einflößt. Der Kampfhund war, wie Sie wissen – falls Sie vor 1990 geboren sind – früher eine sehr ernsthafte Bedrohung der Menschheit. Für diejenigen, die in der Gnade der späten Geburt leben, mag diese Kolumne eine erste Begegnung sein.

© Birgit Lemke/in-sachen-hund.de

Er (der Kampfhund) stand, oder besser: lag, saß, bellte, biss oder rannte einst auf demselben Erregungslevel wie 2) der irre Serienmörder (unbedingt alle drei Jahre anschauen: Hitchcock, Frenzy; schon allein wegen der kulinarischen Inspirationen!), 3) die Explosion eines unserer (versprochen!) störungsfrei laufenden Atomkraftwerke einschließlich der vier Millionen Jahre korrosionsfesten (versichert!) Fässer für den hochradioaktiven Müll, 4) der palästinensische Terrorist, 5) der islamistische Terrorist, 6) der salafistische Terrorist, 7) der rücksichtslose Raser, 8) der Sexgangster, 9) der dahergeschwommene Asylant, 10) der betrunkene, sich Sorgen machende Alleintäter eines rassistisch motivierten Tötungsversuchs.

Die Positionen dieser Hitparade sind nur oberflächliche Beschreibungen, wie sie das Publikum – also Sie – versteht und braucht. Der Fachmann, die Expertin, das Sachverständige weiß unendlich viel mehr darüber: Es kommt auf die Legierung an (zu Ziffer 3); es kommt auf die Farbe an (zu Ziffer 4 bis 6); es kommt auf den Algorithmus des Verfassungsschutzes an (zu Ziffer 10); und so weiter. Alles hängt mit allem zusammen. Derweil dringt der Wolf aus den Wäldern der Lausitz gen Westen voran.

Möglichkeiten

Ob man The President Elect Donald T., den nächsten Imperator Mundi, in die Hitparade integrieren sollte und ob er überhaupt integrierbar ist, wird derzeit zwischen den internationalen Investmentfonds und der Welterklärungspresse noch verhandelt. Unser Bundespräsident Elect Futurus jedenfalls – er teilte, wie ich las, der Presse allen Ernstes mit, die Durchsetzung seiner Personalie sei ein „Meisterstück“ des Vorsitzenden seiner Partei gewesen! – hat sich im Rausch der Wahlen und in einer kurzfristigen Absens in diplomatisch bedenklicher Weise über Herrn Trump geäußert,

wird dies aber /

als Kandidat und Zukünftiger /

daran möchte ich /

meine Damen und Herren auch an dieser Stelle /

und ich sage dies unter Berücksichtigung /

der Schneeschmelze auf den Gletschern ebenso /

wie des Starts einer neuen Trägerrakete /

durch Russland will ich allerdings /

und ich bitte dies durchaus auch im übertragenen Sinn zu verstehen /

meine Damen und Herren nicht den geringsten Zweifel /

daran lassen und ich bitte mich /

nicht misszuverstehen wenn ich heute sage die Bundes- /

Republik Deutschland hat /

und das sage ich mit allem Ernst /

dem Verhältnis zu ihren Freunden im atlantischen Bündnis zu jeder /

ja ich kann wohl sagen zu jeder Zeit /

Vorrang eingeräumt vor der Durchsetzung ihrer Souveränität auf irgendwelchen Grundstücken /

in Ramstein oder /

der Zurückdrängung des Hotdogs /

zugunsten der Bratwurst-mit-Brötchen /

und wir /

sind uns dabei mit der Frau Bundeskanzlerin /

meine Damen und Herren einig /

dass die Hoeneß-Bratwurst zwar bayerisch aber /

nicht verhutzelt ist sondern /

nur richtig gegrillt werden muss meine Damen und Herren /

ich danke Ihnen.

Bekämpfer des Kampfhunds

Fehler RasselisteDas ist, liebe Leser, der Sound, den Deutschland in dieser Zeit braucht. Keine Experimente!, rief schon früher ein Kanzler in die Wirren des Kalten Kriegs, und überlegte sich auf dem Rücksitz von Rhöndorf nach Bonn, wer wohl unter ihm den Bundespräsidenten machen solle. Dies tat dann zehn lange Jahre lang ein Architekt aus Enghausen. Er hatte schon früh eine schlimme Gedächtnislücke, die mit der Zeit immer noch größer wurde. Er war der erste Comedian Deutschlands, wurde aber zeitlebens verkannt: Neben den Kampfhunden der 1959er bis 1969er Jahre hatte sein feinsinniger Humor („Sehr geehrte Frau Tananarive! Liebe Neger!“) keine Chance.

Was sagt uns dies? Dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, einen Satz, eine Krise oder einen Staat zu Ende zu bringen. Wer wüsste das besser als wir Deutschen? Zumindest mental, fiktional, medial, emotional. Haben wir nicht längst Heinrich Lübke durch Helge Schneider ersetzt, Gerhard Löwenthal durch Gerhard Polt? Sind wir nicht, 70 Jahre nach dem Ufa-Film Wolgograd (Remake anschauen: Stalingrad, 1993, Josef Vilsmeier) und dem Ewigkeitsfilm Oświec, ein einig Volk von Humoristen geworden aus der puren Kraft unserer Freude?

Der Kampfhund

Der Kampfhund kommt Ihnen, falls Sie zu den Spätgeborenen gehören, jetzt möglicherweise etwas weit hergeholt vor: Was soll das überhaupt sein? Ein Hund (canis lupus familiaris) ist ein Lebewesen, das Zeit seines Lebens irgendwie kämpft: wie die Zecke, der Gänsegeier und der Kundenberater im Private Banking. Der Unterschied ist: Der Zecke ist es egal, wer Sie sind; der Geier kann Ihnen (jedenfalls zu Lebzeiten) egal sein; der Anlageberater befördert Sie dahin, wo der Geier wartet.

Früher, als der Kampfhund noch die Städte und Steppen unseres Landes durchstromerte, also vor der Rückkehr des Wolfes (canis lupus), war das anders. Jede und jeder wusste, was ein Kampfhund ist, denn zwei- bis dreimal täglich fiel ein derartiges Exemplar mit gefletschten Zähnen über einen Rentner her oder über ein Kind oder, in besonders grausamen Fällen, über einen Rauhaardackel. Zum Glück war meist ein Fotograf zur Stelle und konnte dem ganzen Volk einen Schnappschuss übermitteln von jener Sekunde, als der Kampfhund in ein Stahlgitter biss oder dank der puren Gewalt seiner Kiefer einen ausgewachsenen Thunfisch in zwei Hälften zerlegte.

Der Kampfhund hatte zwei Zahnreihen, war also ein enger Verwandter des Weißen Hais. Zwischen dem Usedomer Boten und den Waldshuter Nachrichten lichtete man ihn gelegentlich in der Gestalt einer unschuldigen Englischen Bulldogge ab, meist als Stopp-freien „Bullterrier“, gern auch als „Bandog“. Was das letztgenannte Wesen sein soll, konnte in den vergangenen 25 Jahren von der Wissenschaft leider nicht festgestellt werden. Das Schicksal, im wissenschaftlichen Niemandsland zu Hause zu sein, teilt der den Ministerialbürokratien vertraute „Bandog“ mit 1) dem Yeti und 2) Nessie: Er hinterlässt fürchterliche Spuren, wurde aber dank seiner Geschicklichkeit und jahrtausendealten Intelligenz leider noch nicht dingfest gemacht.

Vor lauter Aufregung über die Monster unter uns übersah die Kampfhundewissenschaft – deren Labore und Studierstuben sich in Redaktionen, Polizeidirektionen und Innenministerien befanden – bedauerlicherweise die Prüfung, ob, warum und wie das eigentlich sein könne: Hunderassen, die noch nie jemand gesehen, Beißkraft, die nie einer gemessen, Schadenshäufungen, die noch nie einer gezählt hatte. Die Anzahl der Schadensfälle durch den deutschen Mastiff (genannt „Deutsche Dogge“) war vermutlich 300-mal höher als die durch den englischen Mastiff, die durch „Deutsche Schäferhunde“ 5.000-mal höher als durch „Bullterrier“, von den Hunderttausenden „Der-tut-Nix“-Mischwesen ganz zu schweigen. Und was eine „Rasse“ eigentlich ist, interessiert sowieso fast niemanden. So ein Kampfhund ist nämlich rasch gezüchtet: Vier bis fünf Generationen reichen, und Sie können eine Mischung aus Känguru, Zebra und Weißem Hai bei der Féderation Cynologique International (FCI) patentieren lassen. Hauptsache, Sie sind Mitglied beim ADAC oder in einem Mitgliedsverein des VDH.

Bekämpfer des Kampfhunds

© Birgit Lemke/in-sachen-hund.de

Erschüttert und schlaflos standen vor 25 Jahren Chefredakteure, Intendanten und Innenminister dem Phänomen gegenüber, dass der Kampfhund überall in Deutschland wöchentlich seine Opfer suchte: schicksalhaft, zufällig, willkürlich. Mal biss er einen anderen Hund, mal biss er einen anderen Zuhälter.

Er verändert sich wie der Bahnfahrplan

Wobei „beißen“ hier das falsche Wort ist: Richtig heißt es „zerfleischen“. Sie müssen sich das vorstellen wie das Auftreffen eines modernen Explosionsgeschosses aus einem Schnellfeuergewehr auf den menschlichen Körper: Die Dinger treten mit neun Millimeter Durchmesser ein, reißen aber 20 Zentimeter große Austrittslöcher in die Rückseite des Rebellen. Sie wirken also wie eine klitzekleine Fassbombe für den Unterschenkel. Andererseits hat das Wort „Zerfleischen“ natürlich auch diesen lebensnahen, vertraut-analogen Klang: Der Dackel zerfleischt eine tote Maus; der Yorkshire Terrier zerfleischt ein Schälchen Caesar, die Hobbygärtnerin zerfleischt eine Nacktschnecke. Es gibt sie noch, die guten Dinge.

Und bedauerlicherweise geht diese von Herrn Darwin erfundene Vererbung immer schneller voran, ähnlich dem raketengleichen Funktionalitätsfortschritt von Telekom-Anschlüssen oder der Perfektionierung des Mobiltelefons in einer feindlichen Umwelt. Daher verändert sich der Kampfhund wie der Bahnfahrplan, noch während wir nichtsahnend schlafen. Heute hat er Schlappohren und eine feuchte Nase, morgen schon läuft er im Maßanzug und Ferragamo-Schuhen durch deutsche Gerichte und zeigt uns das „Victory“-Zeichen. Eine echte Frechheit, weil „Victory“ ja bekanntlich eine deutsche Motorradmarke ist und ein deutsches Wort, das Sieg bedeutet, und vom Bundeskanzler Ulbricht erfunden wurde als Zeichen der Freude über den zweiten Platz im Grand Prix Eurovision 1945.

Zurück in die Geschichte der frühen Neuzeit: Die Landesinnenministerien von Baden-Württemberg, Saarland, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Hamburg und Bayern schritten 1991 entschlossen voran und erließen Kampfhunde-Bekämpfungsgesetze, die es Hunden, sofern sie betroffen waren, aber nun wirklich ernsthaft und bei Androhung von empfindlichen Geldbußen untersagten, die Höchstgeschwindigkeit innerorts um mehr als 20 km/h zu überschreiten oder über kleine Kinder herzufallen. Vor allem dem „Bandog“ wurde bundesweit strengstens untersagt, andere Lebewesen, insbesondere Menschen oder Tiere, zu zerfleischen. Die Gesetze und Verordnungen waren leider überwiegend derart verfassungswidrig, dass sie auf Normenkontrollanträge hin mehrheitlich wieder aufgehoben wurden. Überlebt hat bloß das Regelungskonzept aus – wen wundert’s? – Bayern: Das dortige „Popularklage-Verfahren“ nach Artikel 98 der Bayerischen Verfassung hat eine Erfolgsquote, die vermutlich nur noch vom Verwaltungsgericht Pjöngjang unterboten wird. Nach der Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs war jedenfalls alles super-verfassungskonform, in der Praxis sowieso.

French Bulldog

© Birgit Lemke

Trotzdem geschah ein Wunder: Kaum waren die ziemlich sinnfreien Kampfhundegesetze erlassen und die kommunalen Hundesteuern für „Bandogs“ auf das Zwanzigfache erhöht worden, beendeten die frustrierten Bestien ihr Anrennen auf den deutschen Volkskörper. Kein Stahlseil-zerfetzender „Pitbull“ ließ sich mehr im TV blicken, kein zerfleischtes Opfergesicht mehr in der Bild. Aber kein Sieg ohne Niederlage: Der dramatische Rückgang der Kampfhundepopulation in Deutschland führte zum unkontrollierten Einsickern von Möpsen, Pekinesen und Chow-Chows. Die deprimierten Restbestände der „Bandog“-Population entwickelten darob Sorgen und Ängste, gründeten eine eigene Kampfpartei („AFDH: Aktion Futter nur für Deutsche Hunde“), fusionierten mit den Lausitzer Wölfen (LW) sowie einigen Resten der „Tätowierten Tasmanischen Teufel“ (TTT) und stellten fortan eigene KandidatInnen auf zu den großen Hundeausstellungen der Republik.

Kampfhunde heute

Oberflächlich gesehen, dominiert in unserem Deutschland also wieder der treue vierbeinige Freund, der Schäferhund, und der schlaue Dackel und natürlich der Yorkshire auf den tätowierten Armen der Busenwunder. Der Kampfhund ist abgefrühstückt. Das Atomkraftwerk sowieso, da ja, wie Sie wissen, Deutschland „nach Fukushima“ die sprichwörtlichen Brocken hingeschmissen hat und seither praktisch atomfrei ist. Irgendwo sollen noch ein paar alte Fässer herumliegen, aber egal, weil unter der Erde. Es geht uns nichts an, und die Grünen, unsere Kampfweltretter, arbeiten daran. „Nach Fukushima“ ist eine prima Marke, wie „Nach Hiroshima“ oder „Nach Stalingrad“, weil ja meist nach diesem „Nach“ alles einfach weiter funktioniert wie vorher. Das „Nach“ ist einfach eine Art Fake, wie Nach Apokalypse Now oder Nach Der schmale Grat, oder Nach Schindlers Liste. Wiegt nicht, liebe erschütterte Zuschauer, allein die bassbetonte kleine Sekunde aus dem Weißen Hai den ganzen Beethoven auf? Nach diesem Crescendo ist die Welt der Wagner-Musik eine andere.

Hieraus erschließt sich, warum ich Ihnen, verehrte Leser, diese Geschichten aus versunkenen Epochen erzähle:

Erstens: Weil ich Sie zu Beginn der diesjährigen Weihnachtsmarktsaison bitte, die Spur des Kampfhunds aus eigener Erfahrung und mit eigenem Geruchssinn aufzunehmen und über die Jahre von 1991 bis 2016 zu verfolgen. Ich meine: Ihres ganz persönlichen Kampfhunds.

Wer ist der Kampfhund heute?

Sie werden dabei, wenn Sie sich bisschen anstrengen, im feuchten Laub der deutschen Eichen seltsame Wesen treffen: 1) zum Beispiel den „Mudschahedin“ aus Afghanistan, unseren besten Freund aus den Achtzigern, tapferen Kämpfer gegen das Sowjetimperium, zerfleischt und überraschenderweise wiederauferstanden als 2) „Taliban“ im September 2001, feiger und hinterhältiger Kämpfer gegen das US-Imperium, 3) den Angreifer aus Afrika. Am Rande bemerkt: Bei „Afrika“ handelt es sich – alle Kenia-affinen All-inclusive-Reisenden mögen mir die Redundanz verzeihen – um ein Territorium von 30 Millionen Quadratkilometern, also der etwa 100-fachen Größe Deutschlands, mit derzeit etwa 50 Staaten. Es gibt dort im 21. Jahrhundert Löwen und Mücken, Flusspferde und Lepra, Macheten und Hundevereine. Es gibt Kühe und Frauen, die Milch geben, und Paprika-Plantagen in der Sahara.

Boxer, sitzend

© Birgit Lemke

Die jungen männlichen Kampfhunde dieses Kontinents missbrauchen bekanntlich seit einiger Zeit in großer Anzahl die Seefahrt über das Mittelmeer, anstatt sich zumindest noch 100 Jahre mit der Übersendung unser Altreifen und Polyurethän-Verpackungen sowie der Abschaffung ihrer rückständigen Landwirtschaft durch EU-subventioniertes Getreide zufrieden zu geben. Hier tritt ein typisches Verhalten des Kampfhunds zutage: Undankbarkeit. Gibst du ihm ein Stück von deiner guten Fleischwurst, schon beißt er dir die Hand bis zum Ellenbogen ab.

Zweitens: Weil der Kolumnist – zum wiederholten Mal – mit einer ziemlich bezaubernden Dame aus dem Stamm der englischen Doggen friedlich zusammen lebt. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Drittens: Weil in unseren angeblich unsicheren Zeiten viele fragen: Wer ist der Kampfhund heute? Und wo? Und demnächst?

Man könnte natürlich auch eine alternative Sicht einnehmen: Alles ist extrem sicher geworden! Das Geld hat mit der Welt nichts mehr zu tun. Der Krieg hat mit Deutschland nichts mehr zu tun. Kachelmann hat mit Lohfink nichts mehr zu tun. Die Gletscherschmelze hat mit Volkswagen nichts mehr zu tun und der nächste Bundespräsident nichts mit Hinterzimmern. Noch nie ging es uns auch nur annähernd so gut. Der Hunger ist ein Werbeplakat für Fast Food und Millionen Tonnen von Vögeln, Schweinen, Rindern und Fischen werfen wir auf den Müll, aus dem sie die Kampfhunde aus Afrika und Asien herauskratzen. Der Kampfhund ist in Aleppo oder auf dem Mars.

Die letzten seiner Nachkommen haben sich hierzulande auf den Betrug verlegt: den Sozialhilfe-Betrug, den Asyl-Betrug, den Flüchtlingsbetrug, den Zins-Betrug, den Politik-Betrug, den Diskriminierungsbetrug, den Steuer-Betrug, den Ungerechtigkeitsbetrug. Da ist der Deutsche wie der ewige Russe: Immer zu kurz gekommen, immerzu in Erwartung der Gnade von oben.

Betrogene

Deutschland besteht also aus einem Haufen Betrogener. Wir haben den Wartburg gebaut und den Golf, die Eisenbahn erfunden, die Ökologie und die Rassenreinheit. Wir haben uns hie und da geirrt, uns aber, wenn man es genau nimmt, persönlich praktisch nichts zuschulden kommen lassen. Wir haben unsere Pflicht getan, wie es unser großer Lehrer Immanuel Kant gefordert hat, der bei uns allen über dem Flatscreen steht, goldgeprägt und zerlesen: Pflicht als Freiheit, Moral als Pflicht, der gestirnte Himmel als das Selbst. Wir haben den Hund gewollt und den Wolf bekommen, sagte Bärbel Bohley.

Am Staff

© Birgit Lemke

Wir werden auch den derzeit laufenden Kampfhühnchen-Angriff überstehen: Zwei Millionen oder zweihundert Millionen Grillhähnchen, Wachteln und Puten und Gänse werden derzeit durch tödliche Elektrobäder gezogen oder – selbstverständlich lokal betäubt! – im Genick verdreht, bis der Tod eintritt. Selbst schuld: Sollen sie es halt nicht mit Zugvögeln aus dem Ausland treiben! Lassen Sie sich, liebe Leserinnen, auf gar keinen Fall das gesunde, kalorienarme, schweineschonende Weißfleisch-Essen verderben! Es gibt nicht die leiseste Gefahr, dass ein Vogelgrippevirus jemals vom Planeten Wiesenhof auf einen Pavian, von dort auf einen Rollmops und schließlich auf einen norddeutschen Biertrinker übergreifen könnte. Da können Sie, das garantiert Ihnen der Bundeslandwirtschaftsminister, wirklich sicher sein!

Kampfhund für immer!

Selbstverständlich geht in der Natur, wie Sie wissen, nichts verloren, erst recht keine Energie. Sie wandelt nur ihren Aggregatzustand. So ist es auch mit der Kampfhundenergie. Sie verlässt die Hunde und fährt in andere Wesen wie ein Körperfresser (USA 1977, Philip Kaufman). Kampfhunde sind also jetzt magersüchtig und tragen Haarverlängerungen. Sie glauben an den garantiert einen Gott. Sie scheitern in der Hauptschule. Sie schlucken Amphetamin und hören Techno. Sie starren auf ihr Smartphone, auf dass es in ihrer Hand zerschmelze zu einem Kuss oder wenigstens zu einem Freund. Sie können kein richtiges und kein falsches Deutsch. Sie kämpfen gegen sich und gegen die anderen. Sie wissen viel und ahnen wenig.

Dem Pitbull ist der Bandog ein Kampfhund. Dieser heißt zur Zeit „Islamist“ oder „Salafist“, „Flüchtling“ oder „Fremder“. Der transsilvanische Canis Lupus hat sich zum Profugus Afrikanus gemendelt, der Barbar des Nordens vom Hospes Arabicus zum Hostis Arabicus. Und das alles ganz ohne unser Zutun, einfach so, aus purer Natur.

Er hieß einmal Elvis Aaron Presley, Jude und Gott. Er hieß John Lennon, Verlorener aus Norderstedt. Er hieß James Brown aus Bielefeld. Er hieß John Coltrane, Miles Davis und Ornette Coleman, alle drei aus Offenbach am Main. Dies nur by the way, und für alle Freundinnen der gehobenen Erregung: Er hieß selbstverständlich auch Friedrich Chopin aus Leipzig. Auf gar keinen Fall aber heißt irgendein Kampfhund Höcke, Petry oder Gauland. Die tun nix und wollen nur spielen. Sie haben schwere HD und fürchten sich sehr, wenn die Nacht kommt und der Wolf heult.

Was soll’s?

Staffordshire Bullterrier

© Birgit Lemke

Selbstverständlich hat dies alles auch mit dem (Straf-)Recht zu tun, dem die Bekämpfung des Kampfhunds ja sozusagen ein Grundbedürfnis ist. Manche können das nicht verstehen und senden deprimierende Zuschriften: Der Kolumnist möge sich gefälligst ans Thema halten; er solle lieber Verbrecher verurteilen statt Deutschland zu beleidigen; was das alles mit dem Richten zu tun habe, und so weiter. Ein Missverständnis.

Das Recht hat mit allem zu tun. Es ist Ausdruck des Lebens, das wir jeweils führen. Wenn wir es gern anders hätten, müssten wir es ändern, zurückdrehen oder neu erfinden; abschaffen kann man es wohl nicht. Wenn wir unterstellen, dass Regeln und bestimmte Methoden ihrer Durchsetzung unser Schicksal bestimmen, müssen wir darüber sprechen, wie sie entstehen, wer sie bestimmt, wem sie nützen oder nicht. Und immer wieder: Wer der Kampfhund ist, oder sagen wir, für Freunde des Kasperltheaters, wer das Krokodil und wer die Gretel.

Ob der Kampfhund, der unsere Sicherheit bedroht, ein wildes Tier ist, ein Investmentbanker oder der Fanatiker eines albtraumgeborenen Gottesreichs, ist streitig: Die Hunde sehen es so, die Banker so. Das Recht steht inmitten wie Maria aus Magdala: ganz unschuldig, ganz schuldig. Deshalb müssen wir uns darum kümmern, damit es nicht zerfleischt wird von wieder anderen Hunden.

 

Ich bedanke mich bei Herrn Prof. Dr. Fischer für die freundliche Zustimmung zur Veröfentlichung seines Artikel auf meiner Internetseite.

Quelle: zeit-online, Kolumne: Fischer im Recht, http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-11/gefahrenabwehr-kampfhund-nachfolger-fischer-im-recht