Von Nadine Wolf

              © Birgit Lemke

Neulich beim Tierarzt. Ich betrete das Wartezimmer, mein Hund hat starke Schmerzen. Nicht umsonst bin ich in der Praxis. Ich halte einen Maulkorb in der Hand, denn Schmerz kann die Geduld eines Lebewesens an seine Grenzen treiben. Eine andere Hundehalterin sitzt bereits im Warteraum und lässt ihren Hund zu uns laufen. Ich stelle mich zwischen die Hunde, um den fremden Hund von meinem kranken Vierbeiner fernzuhalten. Schließlich halte ich nicht umsonst den Maulkorb in der Hand. Mein Hund kommuniziert bereits eindeutig, dass ihm die Situation nicht behagt. Der fremde Hund beginnt sogar, sich zwischen meinen Beinen durchzudrängeln. Verzweifelt versuche ich, das zu verhindern. Die andere Tierhalterin interessiert das nicht. Sie möchte, dass ihr Hund „hallo“ sagt – egal, um welchen Preis. Es interessiert sie nicht, dass mein Hund vielleicht aggressiv sein könnte, es ist ihr egal, ob mein Hund eine ansteckende Krankheit hat oder was ich davon halte, dass ich nun meinen Hund abschirmen muss. Wichtig ist nur, dass sie ihr Ziel erreicht. Wichtig ist, möglichst ignorant zu sein.

Neulich beim Spaziergang. Ich bin mit einer Freundin und deren (durch mehrere Angriffe nun) unverträglicher, großer Hündin unterwegs. Eine Frau mit ihrem Terrier kommt auf uns zu. Wir leinen die Hunde an. Sie macht nichts dergleichen. Wir gehen noch weiter rechts am Wegesrand. Der Hund läuft auf uns zu. Die Besitzerin beobachtet die Situation, unternimmt aber nichts. Wir stellen uns vor die Hunde, um den Terrier davon abzuhalten, in sein eigenes Verderben zu laufen. Die Hundehalterin schüttelt mit dem Kopf, verdreht die Augen, ruft ihren Hund aber nicht ran, leint ihn nicht an. Es interessiert sie nicht, dass ihr Hund vielleicht gebissen wird. Es ist ihr auch egal, dass wir Probleme damit haben, die Hunde voneinander fernzuhalten. Wichtig ist nur, dass sie das macht, worauf sie Lust hat. Wichtig ist, möglichst ignorant zu sein.

Neulich im Park. Zwei Halter großer Hunde treffen auf einem Weg aufeinander. Auf eben jenem Weg läuft auch gerade eine Familie mit zwei kleinen Kindern entlang. Die Hunde erblicken einander, fixieren sich und laufen steifbeinig mit aufgestelltem Rückenfell langsam aufeinander zu. Die Besitzer beobachten die Situation, einer ruft seinen Hund ran und leint ihn an, der andere beschließt jedoch, nichts zu unternehmen. Plötzlich läuft der Hund los, stürzt sich auf den angeleinten Artgenossen und rennt dabei eines der kleinen Kinder um. Der Besitzer des Hundes befindet sich ungefähr 50 m entfernt von seinem Vierbeiner, ignoriert die Situation, die verzweifelten Eltern und seinen keifenden Rüden bis er im gemächlichen Tempo heranschlendert und endlich seinen Vierbeiner anleint. Es interessiert ihn nicht, dass das kleine Mädchen umgerannt wurde und nun weint, es stört ihn nicht, dass der andere Hund vielleicht von seinem Tier gebissen wird. Wichtig ist nur, dass er sich nicht bemühen muss. Wichtig ist, möglichst ignorant zu sein.

                  © Birgit Lemke

Ich könnte eine endlose Anzahl dieser und ähnlicher Geschichten aufschreiben. Nicht nur Geschichten, in denen es um Hundehalter und deren rücksichtsloses Verhalten geht. Nein, auch Geschichten über Radfahrer, die ohne Licht im Dunkeln herumfahren und andere Menschen in Gefahr bringen. Geschichten über Autofahrer, die rücksichtslos reservierte Parkplätze belegen oder meinen, an einem Kindergarten mit 70 km/h vorbeirasen zu müssen. Geschichten von Eltern, die ihre Kinder in einem romantischen Restaurant laut schreiend Fangen spielen lassen. Geschichten über Ignoranz. Geschichten über einen Mangel an gegenseitiger Rücksichtnahme. Geschichten, in denen das eigene Wohl derart in den Vordergrund gestellt wird, dass stets eine Benachteiligung Anderer in Kauf genommen wird. Sogar wohlwollend in Kauf genommen wird. Es ist nicht so als würde nicht bemerkt werden, dass die Mitmenschen aufgrund des eigenen Verhaltens Nachteile erleiden, nein, es ist willentliche Ignoranz, die vermehrt zu Tage tritt. Man sieht, dass ein anderer Tierhalter seinen Hund anleint und weiß ganz genau, dass das bedeutet, dass dieser eben – aus welchen Gründen auch immer – keinen Kontakt zum Fremdhund möchte. Man bemerkt es, sieht es, weiß es. Aber man ignoriert den Wunsch des Anderen. Willentlich. Absichtlich. Zum Trotz?

Was ist geschehen? Haben wir in einem Zeitalter, indem wir täglich viele Stunden mit völlig Fremden in sozialen Netzwerken kommunizieren die Netiquette der realen Welt einfach vergessen? Ist das die neue Generation „Ist mir doch egal“? Ist es wirklich notwendig, sich möglichst ignorant und rücksichtlos zu verhalten? Ist das ein neuer Trend? Ignoranz bis zur Grenze des Erträglichen?

               © Birgit Lemke

Was muss noch geschehen, damit die Ignorantesten endlich ein Einsehen haben? Reichen strenge Hundegesetze und Leinenzwang nicht aus? Wundern wir uns wirklich über Giftköder, wenn doch auf jedem Gehweg die Hinterlassenschaften der Vierbeiner liegen und jeder Hund einem Jogger nachrennen und ihn mal eben in die Wade zwicken darf?

Was ist so schwer daran, ein wenig Rücksicht zu nehmen? Ist es wirklich so ein extremer Einschnitt in die eigenen Persönlichkeitsrechte, ein bisschen auf die Belange Anderer einzugehen? Kann man nicht einfach seinen Hund kurz ranrufen? Das Licht einschalten? Ein bisschen langsamer fahren? Die Kinder zur Raison rufen? Wäre das Leben nicht viel einfacher und das Zusammenleben netter, wenn man sein Gegenüber nur für eine Sekunde nicht ignorieren würde?

Nein, es ist nicht schwer. Nein, es ist kein großer Umstand. Ja, man kann sich einfach mal richtig verhalten. Um mit besserer Laune durchs Leben gehen zu können, denn rücksichtsvolles Handeln wird oft mit einem Lächeln belohnt. Zum Wohle seiner Mitmenschen. Für die eigenen Nerven. Und weil es sich einfach so gehört!

Nicht vergessen: „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“. (I. Kant)

 


 

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Nadine Wolf für die freundliche Genehmigung ihren Artikel auf meiner Website veröffentlichen zu dürfen.

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