Bleistiftzeichnung: Pudel

                © Birgit Lemke

Dank neuer Nachweismethoden lassen sich wichtige Stationen der Menschheitsgeschichte immer weiter in die Vergangenheit zurückdatieren. So könnte nicht nur etwa die Kunst früher erfunden, sondern auch die Haustierhaltung viel älter sein.

Aufgrund von Knochenfunden gingen Archäologen bisher davon aus, dass Menschen seit ungefähr 14 000 Jahren Hunde halten. Neueste molekularbiologische Untersuchungen zeigen indes, dass der Haushund nicht nur eindeutig vom Wolf abstammt, sondern lassen den Schluss zu, dass der Wolf sich schon vor ungefähr 100 000 Jahren zähmen ließ.

Der Biologe Robert Wayne und seine Arbeitsgruppe von der University of California, Los Angeles, untersuchten die Erbinformation von Mitochondrien aus Haar- oder Blutproben von 162 Wölfen und 140 Hunden unterschiedlicher Rasse und Herkunft. Mitochondrien sind die „Kraftwerke“ tierischer und pflanzlicher Zellen und verfügen über eigene DNS. Erbinformationen mutieren im Lauf der Zeit statistisch außerordentlich gleichmäßig; der Grad von Gemeinsamkeiten in der DNS verschiedener Gruppen von Lebewesen kann daher als Nachweis für den Verwandtschaftsgrad dienen: Je größer die Unterschiede, desto länger liegt die Existenz des gemeinsamen Vorfahren zurück. Weil aber Mitochondrien-DNS eine relativ hohe Mutationsrate aufweist, gestattet sie eine genauere Analyse der genetischen Beziehung zwischen so eng miteinander verwandten Tieren wie Hund und Wolf.

Die Ergebnisse dieses „molekularen Uhrenvergleichs“ sind verblüffend: Die mitochondriale Erbinformation derart unterschiedlicher Hunderassen wie etwa Pudel und Rottweiler enthält gar keine rassenspezifischen Differenzierungen, sondern übereinstimmende DNS-Sequenzen, während die des Deutschen Schäferhundes sich darin deutlich unterscheiden. Wayne erklärt das so: „Die meisten Hunderassen sind erst in den letzten 200 Jahren gezüchtet worden und offensichtlich in ihrer mitochondrialen Erbinformation noch nicht spezialisiert.“

Andererseits: Während sämtliche analysierten Hunde-Sequenzen sich erheblich von Schakal und Kojote – ebenfalls nahen Hundeverwandten – unterscheiden, lassen die Sequenzen von Hund und Wolf viele Gemeinsamkeiten erkennen.

Vier Hundegruppen schälten sich heraus, die offenbar jeweils auf einen Vorfahren zurückgehen. Wayne und seine Kollegen deuten das als Hinweis darauf, dass Wölfe mehrmals von Menschen gezähmt worden sind (Rinder wurden zweimal domestiziert, Hühner hingegen nur ein einziges Mal). Jedoch ist bei drei Vierteln aller Hunde – darunter Collie, Irish Setter und Bernhardiner – eine einzige Ursprungslinie erkennbar.

Gleichwohl sind die genetischen Unterschiede zwischen Wolf und Hund derart deutlich, dass sich der Mutationsrate zufolge beider Wege vor 100000 Jahren getrennt haben müssen. Wolfsskelette sind schon neben 400000 Jahre alten menschlichen Relikten gefunden worden. Dass diese von bereits domestizierten Haus- und Hofwölfen stammen, ist allerdings unwahrscheinlich. Wayne: „Wölfe und Menschen waren damals lediglich in ähnlichen Gebieten verbreitet.“

Quelle: GEO Magazin, Nr.10 Oktober 1997