Barbara Kollmann

Bleistiftzeichnung: Mops

                     © Birgit Lemke

Anwälte kaufen Dobermänner statt Afghanen und für Banker geht nichts  über den Rhodesian Ridgeback. Was die Hundemoden über die Gesellschaft verraten.

Da steht der Mops. Er kann nicht anders. Er schaut, er hebt das Bein, er setzt am Laternenpfahl einen Spritzer ab. Nächste Häuserecke, anderer Hund, andere Szene: Ein Mischling, ohne Leine, aber mit Halstuch in Rot springt auf einen Fremden zu. „Der tuuut nix!“, sagt der Chef vom Hund, der eine Kapuzenjacke trägt, ein iPhone hat und ein Individualist ist wie alle anderen auch. In diesem Augenblick biegt eine kleine Französische Bulldogge um die Ecke – und dann stehen alle drei zusammen: der Mops, der Mischling, die kleine Französische Bulldogge. In den Städten sind sie die drei Top-Modehunde unserer Zeit.

500.000 Welpen kommen jedes Jahr in neue Hände. Rund 100.000 davon stammen aus dem Ausland, 135.000 sind Mischlingshunde, schreibt der Verein für das deutsche Hundewesen (VDH). Unter den Reinrassigen steht an erster Stelle immer noch der Deutsche Schäferhund mit 12.786 Welpen. Was daran seltsam ist: Vor 15 Jahren waren es weit über doppelt so viele. Inzwischen ist die beliebteste Rasse – keine Rasse. Das kann man pragmatisch sehen: „Zum einen gibt es einfach immer mehr Mischlingshunde, und zum anderen sind sie weniger anfällig für bestimmte Krankheiten – wie Hüftschäden – und leben länger“, sagt Professor Ulrich Reinhardt von der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen. Es gibt aber noch den entscheidenden Grund. Denn die Promenadenmischung macht klar: Bei Herrchen/Frauchen zählen innere Werte. Und schwer individuell ist es auch.

Moden sind so unberechenbar, klagt Udo Kopernik, der Sprecher des VDH. „Wenn Sie mich vor 25 Jahren gefragt hätten, ob der Mops es noch mal macht – ich hätte wohl Nein gesagt“. Reinhardt meint: „Chihuahua, Yorkshire Terrier oder französische Bulldogge gehen eher als Accessoire durch denn als Hund. Flatcoated Retriever oder Rhodesian Ridgeback gelten dagegen als hip. Der Schäferhund markiert das Revier der traditionsbewussten Halter.“

Warum ist der Westie, der Westhighland Terrier, aus der Futterwerbung auf einmal nicht mehr süß?

Bleistiftzeichnung: Yorkie

                © Birgit Lemke

„Klein, unerschrocken, robust, mit Selbstvertrauen ausgestattet“, sagt die Féderation Cynologique Internationale, der Dachverband der Hundezüchter, über den Westie. Er ist aber nicht mehr angesagt: 2189 Welpen vor 15 Jahren, inzwischen nur noch 838. Das Gleiche bei den Nachwuchs-Yorkshire Terriern (FCI: „hellwacher Spielzeughund“). Das Hundchen, von Frauen gern in die Handtasche gestopft, verlor von vormals 1467 Welpen auf jetzt 512. Der Pekinese (FCI: „arrogante Haltung“) sieht sich von 172 auf 28 dezimiert, aber dafür machte der Mops sich breit (die FCI attestiert ihm „großen Charme, Würde und Intelligenz“). Seine Erfolgsquote: von 295 auf 545, obwohl man viel schlechter ein Schleifchen an ihm befestigen kann als am Yorkie. Der Jack Russell, ebenfalls in der praktischen Handtaschengröße zu haben, wurde noch im Jahr 2000 in Deutschland offiziell nicht gezüchtet. Jetzt sind 154 fröhlich hechelnde Welpen registriert. Im Rückblick ergeben sich Erklärungen für abrupt steigende Beliebtheitskurven. Der Mops, schon bei Jane Austen (1775 bis 1817) als Schoßhund beschrieben, hatte sein Comeback, nachdem in der Science-Fiction-Komödie „Men in Black“ ein außerirdischer sprechender Mops auftauchte.

„Imagetransfer“, sagt Kopernik. Immer hatten die Züchter von Labrador Retrievern (FCI: „Intelligent, eifrig, mit großem Bedürfnis seinem Besitzer Freude zu bereiten“) ihm geklagt, dass der Golden Retriever („Freundlich, liebenswürdig und zutraulich“) beliebter war. Imagetransfer: Dann teilte sich ein Bill Clinton mit einer Monica Lewinsky eine Zigarre, das war 1998, und nur Buddy konnte nach dem Sex-Skandal die Situation noch retten. Clintons Labrador war auch der Einzige aus der Familie, der Bill Clinton noch gern hatte. Es war aufrichtige Freude, wenn er mit dem Schwanz wedelte beim öffentlichen Auftritt: „Es war alles inszeniert. Der Sinn war: Wenn einen so ein kerniger Hund liebt, dann kann man doch kein schlechter Mann sein, oder?“, sagt Kopernik. Clinton ist seit 13 Jahren nicht mehr US-Präsident. Doch immer noch, in Deutschland, wünschen sich jetzt mehr Menschen einen Labrador-Welpen als einen Golden Retriever. Oder, „Imagetransfer!“, sagt Kopernik.

Bleistiftzeichnung: Labrador

                          © Birgit Lemke

Vor 20 oder 30 Jahren, als chic geföhnte erfolgreiche Menschen oft einen chic geföhnten Afghanen (FCI über den Charakter: „Schaut durch dich durch. Überhebliche Haltung“) an der Leine führten, waren diese Hunde ein Statussymbol: „Windhundrassen haben durchaus immer die gut situierte Schicht angezogen.“ Es begann mit dem russischen Adel vor der Revolution 1917, der neben einem eleganten Barsoi schritt, und über England kam die Windhund-Mode nach Deutschland. Heute sieht er in der edlen Mercedes-Werbung und in den Villenvierteln eher Weimaraner (Jagdhunde aus Thüringen – „obwohl die Besitzer eher nicht jagen“), Dobermänner und Rhodesian Ridgebacks, einst zur Großwildjagd in Südafrika gezüchtet, im Frankfurter Speckgürtel: „Der Rhodesian Ridgeback ist wohl der Bankerhund. Ob Ärzte andere Rassen bevorzugen – keine Ahnung. Mein Zahnarzt hatte ’nen Dackel, aber von anderen Zahnärzten weiß ich das nicht.“ Denn Daten, klagt Kopernik, gibt es nicht. Sie werden alle erfasst durch die Hundesteuer-Anmeldung. Aber nicht ausgewertet. So bleibt nur der gesunde Hundeverstand: „Frauen favorisieren häufig eher Familienhunde und kleinere Tiere“, sagt Professor Reinhardt, „bei Männern liegen größere und kräftigere Hunde im Trend.“ Männer wollen eben ihre Männlichkeit ausdrücken, so Kopernik: „Und die Verbindung von Testosteron und Mops, die funktioniert nicht so.“ Obwohl natürlich immer mehr Männer von Möpsen verzaubert seien. Und obwohl French Bulldogs in jeder Gesellschaftsschicht, bei Herrchen im Jogginganzug und Frauchen im Abendkleid, immer beliebter würden.

Bleistiftzeichnung: Dobermann

                © Birgit Lemke

„Der Trend geht etwas weg von großen Hunderassen – ob Dogge, Windhund oder Afghane“, sagt Reinhardt: „Dieses liegt auch an der Urbanisierung und der Zeitnot der Besitzer. Und im Unterhalt frisst so ein kleiner Hund auch einfach weniger.“ Und, spottet Kopernik, mit kleinen Hunden kann man auch besser reden: „Viele sehen den kleinen niedlichen Hund als Partner, als wäre der gleichberechtigt und ich könnte mich mit ihm über die Finanzkrise oder eine neue Wärmepumpe fürs Haus unterhalten. Das überfordert das Tier, dieses Vermenschlichen. Bei einem Rottweiler neigt man weniger dazu.“ Kopernik züchtet Hütehunde, Berger des Pyrénées: „Die haben einen sehr entschlossenen Blick, was viele Menschen verunsichert. Bringt aber doch nichts, vor einer Schafherde zu stehen und niedlich zu gucken.“

Auf dem Land, wo es noch Arbeit gibt für einen anständigen Hund, findet man sie denn auch noch, die großen Tiere. Zumindest weisen Zahlen aus Sachsen-Anhalt, dem einzigen Bundesland, in dem diese Daten erhoben wurden, darauf hin, sagt Kopernik: „In Magdeburg steht zum Beispiel der Schäferhund auf Platz 7 der angemeldeten Hunde. Im gesamten Land aber auf Platz 3.“ Prognosen sind immer schwierig, zumal, wenn sie die Zukunft betreffen, sagt die Volksweisheit. Trotzdem zwei Vorhersagen: „Auch in Zukunft wird es so viele unterschiedliche Vorlieben wie unterschiedliche Hundebesitzer geben“, sagt Professor Reinhardt. „Auch wenn ein Hund eine Menge Arbeit macht, der persönliche Gewinn wiegt dieses auf. Zudem werden neue Rassen entstehen – noch vor einigen Jahren kannte kaum jemand einen Labradoodle, die Mischung aus Labrador und Großpudel.“ Und, so abwegig ist es nicht, der American Staffordshire könnte der neue Modehund werden. In den meisten Bundesländern steht er auf der Liste der besonders gefährlichen Hunde. Von 641 Welpen in der VDH-Statistik (1998) blieben heute 59. Beim Bull Terrier steht das Verhältnis 476 zu 96. Dafür machte der Miniature Bull Terrier Karriere, von 98 auf 544 Welpen. Manche Listenhunde hatten einfach Pech, sagt Kopernik: „wenn die Rasse im Zuhälter-Milieu verbreitet war, zum Beispiel.“

Bleistiftzeichnung: Maja

© Birgit Lemke/in-sachen-hund.de

Heute dagegen sagt ein Staffordshire über seinen Besitzer Folgendes aus: mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vorbestraft (die meisten Bundesländer verlangen ein polizeiliches Führungszeugnis), klug im Umgang mit dem Hund (wird ebenso getestet) – und ein großer Tierfreund, sagt Kopernik: „Die Staffordshires sind ja oft im Tierheim abgegeben worden. Jetzt sehe ich immer mehr besonders engagierte Tierschützer mit diesem Hund.“

Quelle: Welt am Sonntag, Artikel vom 19.01.2014 / Ausgabe 3 / Seite 34

Anmerkung von in-sachen-hund.de: Seit 19 begleiten mich Hunde der Rasse „American Staffordshire Terrier“ und ich möchte mich als ausgesprochenen und treuen Liebhaber dieser Hunderasse bezeichnen. Daher wünsche ich insbesondere dieser ohnehin schon genung gebeutelten Hunderasse (mediale und politische Kampagne geg. vermeintlich gefährliche Hunderassen), aber auch jeder anderen, von ganzen Herzen, dass sie vor jeglichen Modetrends verschont bleibt. Denn bislang sind solche Modererscheinungen an noch keiner Hunderasse vorrüber gegangen, ohne das sie von geschäftstüchtigen Hundevermehrern nachhaltig verdorben wurde. Erschwerend kommt noch hinzu, dass solche Modetrends häufig auch völlig unbedarfte und/oder ungeeignete Menschen zur Anschaffung eines Hundes animieren.