Hunde können beim Menschen zuverlässig Tumore diagnostizieren

Der Hamburger Chemiker Wolfgang Schröder hat jetzt enträtselt, wie sie das tun.

Von Elke Bodderas

Debbie McGlothlin wunderte sich. Ihr Hund schnüffelte gierig an ihrer Wade, er leckte sie. Er war kaum abzuschütteln.

Labrador-Retriever

                         © Birgit Lemke

Und immer dieselbe Stelle, ein Muttermal. McGlothlin, 28 Jahre alt, aus Pitts-burgh/Pennsylvania, kannte ihren Schäferhund Autumn (Herbst) zu gut, um seine plötzlichen Zudringlich-keiten misszuverstehen als Aufwallungen von Zärtlichkeit.

Ein Besuch beim Hausarzt und eine Gewebeprobe später war klar: Autumn hatte mit Schnüffeln und Zungenschlabbern eine Diagnose abgeliefert. Und diese Diagnose lautete: McGlothlin hatte Krebs. Die Biopsie ergab ein bösartiges Melanom am rechten Unterschenkel. Exakt die Stelle, von der Autumn kaum loszureißen war. Es handelte sich, zum Glück, um eine winzige Geschwulst, es hatte noch nicht gestreut. Ein Chirurg schnitt den Tumor heraus. Damit erlosch schlagartig das Interesse von McGlothlins Schäferhund für die rechte Wade. Er beachtete sie mit exakt derselben Hingabe wie die linke – sie waren ihm alle beide egal.

             © Birgit Lemke

Noch gibt es kein anerkannt gültiges klinisches Verfahren. Aber dass Hunde Krebs absolut zuverlässig mit der Nase bestimmen und lokalisieren können, ist seit Autumn/McGlothlin unbestritten. Das britische Medizinjournal „The Lancet“ berichtete über den Fall. Seither häufen sich die Berichte über Hunde, die Menschenleben retteten. Der Sinn für Krebs ist bei Hunden so geschärft, dass sie sehr frühzeitig Befunde liefern. Bösartige Tumore erwischen die Ärzte im allerersten Stadium. Fast immer sind sie problemlos zu entfernen.

Die originelle Früherkennungsmethode außerhalb der medizinischen Forschungs- und Analyse-Systematik lenkt jetzt das Interesse der Wissenschaft. Weltweit experimentieren Forscher mit trainierten Hunden an der ganzen Bandbreite von Tumorarten. Dabei gelang dem deutschen Chemiker Wolfgang Schroeder an der TU Harburg ein Durchbruch in der Krebsdiagnostik mit Hunden. Schroeder identifizierte einen Geruchsstoff, den nur Krebszellen produzieren – jenen Stoff, den Hunde attraktiv und faszinierend finden, jenen Geruch, auf den sie reagieren. Schroeder konnte die Substanz so konzentrieren, dass sie für die menschliche Nase wahrnehmbar ist. Das Aroma ist ein Gestank – nach Aas, nach Tod, nach Verwesung. Hunde sind Aasfresser, sie lieben diesen Geruch.

Der Fall Autumn/McGlothlin ist etwa zehn Jahre her. Seitdem laboriert Schröder an dem Phänomen, dass Hunde sich auf alles stürzen, was irgendwie nach Tumor riecht. „Dass Krebsgeschwulste spezielle Aromen absondern, ist zwar nicht neu“, sagt Schröder. „Aber niemand konnte bislang entschlüsseln, um welche Stoffe es sich dabei handelt.“

Schröder ging einen mühsamen Weg, mit Unterstützung der Universitätsklinik Kiel. Er analysierte als Chemiker in den Labors mehr als 100 Atem-Proben von Krebspatienten – bis schließlich eine neue, unbe-kannte Stoffklasse gefunden war. Es ist die, die ausschließlich mit Krebstumoren entsteht, vermutet der Wissenschaftler.

Momentan überprüfen Experten eines renommierten Fachjournals seine These, liegt er richtig, wird das für die Krebs-Erkennung von großer Bedeutung sein – und für die Hunde. Als Spürnasen für Krebs sind sie dann nicht mehr nötig. Da gibt es Besseres: „Dann sollte es mit Analysegeräten möglich sein, eine frühe Krebserkrankung per Atemcheck zu diagnostizieren.“

          © Birgit Lemke

Die Stoffe, die Schroeder aus dem Tumor-Atem seiner Patienten isolierte, sehen im Reagenzglas rubinrot aus, wie schwerer, wertvoller Samt. Die Flüssigkeit, die Krankheit und Tod bedeutet, riecht teuflisch penetrant, „dass es niemand in der Nähe meines Labors ausgehalten hat. Als ich zum ersten Mal den Kühlschrank öffnete, bin ich fast hintenübergefallen“, sagt Schroeder. Ein starkes Aroma, ein stechender Gestank – dass es etwas in dieser Richtung sein musste, war dem Chemiker von Anfang an klar: „Sonst hätten die Hunde nicht so auffällig reagiert.“ Doch der Krebs-Geruch muss ätzender, heftiger sein als der Hauch der Pest. Mit diesem Höllengestank hatte Schröder nicht gerechnet.

Die Proben und Muster für seine Testreihen verschickt Schröder per Post, in Päckchen. Es ist der Geruch des Krebses, verpackt, verschlossen und gesichert in Röhrchen aus Metall, luftdicht versiegelt, Stück für Stück einzeln verpackt. Eine Hundetrainerin rief ihn kurze Zeit später an. Sie war den Tränen nahe, ihre Hündin sei völlig verwirrt. Es stellte sich heraus: Sie hatte alle Röhrchen, die mit der Krebssubstanz und die ohne, die neutralen, geruchsfreien, zusammen in demselben Karton gelagert. Das hatte gereicht, alle Proben nach Krebs stinken zu lassen. Tumor-Spürhund Paula war entsprechend verwirrt.

Im Tumor wie auch in Schröders Probenröhrchen ist die Konzentration der Duftmoleküle so gering, dass sie unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle liegen. Hunde haben jedoch bis zu 40-mal mehr Riechzellen in der Nase, verteilt auf etwa einhundertfünfzig Quadratzentimeter, entsprechend einem 24 mal 28 Zentimeter großen Blatt Papier. Die menschliche Nasenschleimhaut bringt es gerade einmal auf Briefmarkengröße. Hinzu kommt, dass Hunde es bis auf 300 Atemstöße pro Minute bringen. Po-pulärwissenschaftler rühmen die Sensibilität der Hundenase deshalb gern am Beispiel mit dem Teelöffel Zucker. Ein Löffelchen auf zwei volle Olympia-Schwimmbecken – und der Hund schlägt an.

Labrador-Retriever Paula ist auf die Krebsdiagnose spezialisiert – auf den Geruch von Lungen- und Leberkarzinomen. Das hat sechs Monate Training durch ihre Besitzerin Nicole Klee gekostet. Wie alle Hunde konnte Paula von Anfang an von Krebsaromen nicht genug bekommen. Um Gier in eine wissenschaftlich zuverlässige Tumor-Analyse zu verfeinern, war reichlich Leckerli-Belohnung vonnöten. Inzwischen sortiert Paula aus sechs Versuchsröhrchen zuverlässig die Tumorprobe aus. Dauer: zehn Sekunden.

Von Zigarettenrauch, Zwiebel- und Knoblauchatem lässt sie sich nicht beirren. Dennoch ist kaum vorstellbar, dass Krebs-Spürhunde und Patienten einmal in den Onkologie-Stationen zur Krebsbestimmung aufeinandertreffen. Eine makabre Vorstellung, findet Schröder. Es sei ethisch kaum zu vertreten. Sinnvoller sind elektronische Analysegeräte. Ähnlich wie bei den Röhrchen-Alkoholtestern der Polizei ließe sich die Atemluft der Patienten zuverlässig nach einem Atemstoß analysieren.

             © Birgit Lemke

Die meisten Onkologen teilen die Meinung des Hamburger Chemikers. So haben Tumorsuchhunde in Deutschland keine Zulassung. Das ist in Österreich anders: Dort stellt „die weltweit erste Krebshundestaffel“, ihre Schnüffel-Dienste ins Internet. Zuverlässigkeit der Diagnose: 90 Prozent.

Möglich ist auch die Atemprobe per Röhrchen und per Post, die Kosten liegen um 95 Euro. Die Methode „Austestung mit Atemluft“ ermittle Tumore schon ab einer Größe von vier Millimetern, heißt es da, „Tests bequem für jeden Interessierten auch im Ausland von zu Hause aus möglich“.

Quelle: DIE WELT, Artikel vom 08.12.2013 / Ausgabe 49 / Seite 76

http://www.welt.de/print/wams/lifestyle/article122686005/Geruch-des-Todes.html