Behandlung – Speziell ausgebildete Hunde helfen schwer erkrankten Menschen auf Weg zurück ins Leben

Im Evangelischen Krankenhaus sind die Hunde des Vereins „Tiere helfen Menschen“ nicht mehr wegzudenken. Der Kontakt hilft den Patienten bei der Genesung.

VON LARS BLANCKE

OLDENBURG – Mit einem Satz springt Enzo auf ein Krankenbett des Evangelischen Krankenhauses in Oldenburg. Eine halbe Drehung, schon liegt der spanische Windhund ruhig und gelassen auf dem weißen Laken, das kurz zuvor fein säuberlich desinfiziert wurde. Enzo weiß genau, warum er hier ist: Mit treuem Blick schaut der Vierbeiner seinem Gegenüber tief in die Augen.

Bleistiftzeichnung: Rottweiler

                © Birgit Lemke

Neben dem Bett sitzt Stefan R. (Name geändert) – gefesselt an den Rollstuhl, gefesselt im eigenen Körper. Stefan R. leidet unter den Folgen einer Hirnblutung. Sechs Wochen ist es her, seitdem das Leben für den 58-Jährigen aus der Bahn geraten ist. Seitdem befindet er sich auf der Station 34: Die Abteilung für Schwerst-Schädel-Hirngeschädigte. Die linke Körperseite ist gelähmt, er kann sich nur über Handzeichen und Gesichtsmimik verständigen.

Abwarten zu Beginn

Ein paar Minuten gucken sich Mensch und Tier in die Augen. Dann legt Stefan R. schwerfällig seine linke Hand auf Enzos Rücken. Liebevoll streichelt er das weiche Fell des geduldigen Vierbeiners. Ein Lächeln legt sich auf das Gesicht des von der Krankheit gezeichneten Mannes.

Bleistiftzeichnung: Kuddel & Brauni

              © Birgit Lemke/in-sachen-hund.de

„Das sind die Momente, für die wir hier sind. Deswegen ist die tiergestützte Therapie bei Patienten in der Frührehabilitation so wichtig geworden“, erklären Annelie Bruns und Marion Arnicke, Besitzerin von Enzo, nach der halbstündigen Sitzung, an der auch sie teilgenommen haben. Die beiden Freundinnen sind Mitglieder im Verein „Tiere helfen Menschen Oldenburg-Ammerland“. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, mit ihrem Hobby – den Hunden – anderen Menschen zu helfen.

Seit 2006 wird im Evangelischen Krankenhaus das Projekt „Tierbesuch und tiergestützte Therapie für Schwerst-Schädel-Hirngeschädigte in der neurologisch-neurochirurgischen Frührehabilitation“ durchgeführt. Ein- bis zweimal in der Woche besuchen Hunde schwer kranke Patienten. Sie fungieren als „Seelentröster“, wecken Glücksgefühle oder Sehnsüchte. Neben der Einzeltherapie gibt es auch eine Gruppentherapie.

Hunde sorgen für Lachen

Im großen Gruppenraum der Station 34 herrscht aufgeregtes Getuschel. Gerade hat der achtjährige Schäferhund-Bouvier Sydney mit seiner Besitzerin Monika Stechnow und der Physiotherapeutin Katja Heidemann den Raum betreten. In einem großen Kreis sitzen eine Reihe von Patienten, an ihrer Seite unterstützen sie Angehörige. Eines haben alle gemeinsam, seit Sydney den Raum betreten hat: Sie lachen. „Dafür dienen die Besuche. Die Patienten kommen aus sich heraus. Sie führen spontane Bewegungshandlungen durch, die sie sonst vielleicht nicht tun würden“, erklärt Heidemann.

Der achtjährige Sydney dreht unterdessen in dem Sitzkreis gemächlich seine Runden. Mehrmals hält er bei jedem Patienten und sucht den Kontakt zu den ihm fremden Menschen. Er macht brav Sitz, gibt die Pfote oder lässt sich streicheln. Mit Erfolg: Die Patienten lachen und freuen sich, die Stimmung ist gelöst. Bei einigen weckt der Vierbeiner Erinnerungen. Sie erzählen ihren Angehörigen von Hunden, die sie mal besessen haben oder noch besitzen.

Bleistiftzeichnung: Mischlinge

                 © Birgit Lemke

Auch Annelie Bruns verfolgt die Gruppensitzung mit Interesse. Für die 64-Jährige sind Hunde ihre treuen Wegbegleiter. „Wenn ich als Kind einen schlechten Tag hatte, habe ich meinem kleinen Rauhaardackel meine Sorgen erzählt“, erinnert sie sich. Über einen Artikel in der NWZ  wurde sie auf den Verein „Tiere helfen Menschen“, den es seit November 2005 in der Region Oldenburg-Ammerland gibt, aufmerksam. Für Annelie Bruns das Zeichen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Mit ihren Hunden Max, einem siebenjährigen Schäferhund-Labrador-Mischling, und Clara, einer fünfjährigen Dalmatinerdame, geht sie in Kindergärten, Schulen, Altenheime oder eben auf die Station 34.

Deutliche Fortschritte

Gemeinsam sitzen Bruns und Marion Arnicke, die eine eineinhalbjährige Weiterbildung am Institut für soziales Lernen mit Tieren absolviert hat, nach der Einzeltherapie von Stefan R. in einem Behandlungsraum. Sie besprechen mit Neuropsychologin Annika Musial die eben gesehene Therapiesitzung. „Einen deutlichen Fortschritt“ erkennen alle drei. Das sechste Mal habe Enzo den Patienten nun besucht, die positive Entwicklung sei deutlich zu erkennen. Und in der Tat: Nach dem anfänglichen Zögern krault Stefan R. Enzo mit einer Bürste, füttert ihn mit Hundekeksen und wirft einen orangefarbenen Quietschball auf den Boden. Seine Mimik erhellt sich genauso von Minute zu Minute, wie sich seine Bewegungen vermehren. „Wir wollen die Eigeninitiative der Patienten fördern und Handlungsimpulse setzen“, erklärt Musial.

Nur Hunde mit Zertifikat

Damit das überhaupt möglich ist, müssen die Vierbeiner das Zertifikat „Besuchsdienst geeignet“ vorweisen. Dafür sollte ein Hund „Erwachsen“ sein, wie Annelie Bruns berichtet. Ein Grundgehorsam werde vorausgesetzt. Um das Zertifikat zu erlangen, werde ein Wesenstest durchgeführt.

Bleistiftzeichnung: Labrador

                 © Birgit Lemke

„Die Hunde werden in ungewöhnliche Situationen gebracht und getestet, ob sie aggressiv reagieren“, berichtet Bruns. Ist dieses Zertifikat erreicht, so können Besitzer und Herrchen als „Team“ helfen. „Leider gibt es davon viel zu wenig“, erzählt Bruns. Im Bereich Oldenburg-Ammerland seien es derzeit fünf. „Es ist halt mit großem Zeitaufwand verbunden“, weiß die Helferin. Auch die Belastung für die Hunde, sich immer wieder in neue Situationen mit fremden Personen zu begeben, sei sehr hoch. Dennoch: Geht es um die Möglichkeiten des Vereins, wird Annelie Bruns nachdenklich. „Sie sind unendlich, doch die Türen müssten sich Ehrenamtliche von selbst öffnen. Es fehlt an Helfern.“

Was die Hunde den Patienten geben, zeigt das Beispiel von Stefan R.: Mit einem breiten Lächeln verabschiedet er Enzo nach der Sitzung. Ausgiebig streichelt er das weiche Fell des spanischen Windhundes, guckt ihm erneut tief in die Augen. Für einen Moment scheint Stefan R. seine schwere Krankheit vergessen zu haben – dem tierischen „Seelentröster“ sei dank.

„Tiere helfen Menschen“ gibt es derzeit über 90 Mal in ganz Deutschland. Der Großteil der Vereine kommt aus dem Süden. Im Norden ist die Tendenz steigend.

Im Nordwesten sind der Verein Oldenburg-Ammerland, Wilhelmshaven, Friesland und Umzu, Ostfriesland und Bremen/Delmenhorst ansässig.

Das Ziel des Vereins ist es, kranken, behinderten und benachteiligten Menschen in der Therapie mit Tieren zu helfen. Hunde spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Wer Interesse an der Arbeit des Vereins hat, meldet sich bei Annelie Bruns unter Telefon 04402/3535 oder informiert sich unter  http://www.thmev.de

Quelle: NWZ-online, 11. April 2012 – (Artikel als PDF-Dokument >>)