Therapie: Der Kontakt mit Tieren motiviert behinderte Menschen zu sprechen und sich frei zu bewegen.

Die mit dem Hund tanzt: Gabriele Gozdziejewsky und andere Frauen aus der Wohnanlage der INTEGRA in Mümling-Grumbach treffen sich regelmäßig mit Hundebesitzern und deren Tieren in Höchst, um gemeinsam zu tanzen. Diese Initiative des Höchster Vereins „Aktive Lebenshilfe mit Hunden“ soll die Kommunikation behinderter Menschen und deren Freude am Sport fördern.

Musik dröhnt aus dem Lautsprecher, Gabriele Gozdziejewsky lacht. Sie streckt die Hand nach der Hündin aus, und Orca dankt es mit freundlichem Schwanzwedeln. Jetzt gehen beide los, die behinderte Frau wiegt sich im Takt und winkt fröhlich. Wenn die Hündin bei ihr ist, fühlt sie sich stärker. Sie ist frei.

Bleistiftzeichnung: Husky

                © Birgit Lemke

Gabriele Gozdziejewsky kommt jeden Dienstag mit zwei weiteren Frauen aus der Wohnanlage der In-tegra in Mümling-Grumbach und ihren Betreuerinnen nach Höchst gefahren, um dort mit Orca zu tanzen. Auf Initiative des Vereins „Aktive Lebenshilfe mit Hunden“ konzentriert sich Gabriele Gozdziejewsky dort ganz auf den Riesenschnauzer an ihrer Seite und nimmt hin und wieder auch dessen Besitzerin Katja Thierolf bei der Hand. „Ich liebe Hunde“, begründet Gabriele Gozdziejewsky ihren Spaß an dem Spiel. Außerdem ist das mal was ganz Neues, und es erfreut die Seele.

Aber es steckt noch mehr dahinter. Erfahrungen aus den USA, wo zum Beispiel behinderte Kinder im Kontakt mit Delfinen erstaunliche persönliche Entwicklungen erleben, zeigen, dass Tiere Menschen helfen können. „Die Kinder öffnen sich plötzlich ihrer Umwelt“, heißt es von dort. Auch das Tanzen mit dem Hund stammt aus den USA, wird aber in Deutschland bereits turniermäßig betrieben, erklärt der Höchster Hundetrainer Werner Thierolf, auf dessen Initiative der Verein im Sommer 2001 gegründet wurde.

Beim Tanz mit den Hunden setzen Fachleute auf eine bessere Motivation der behinderten Menschen: „Sie reden, lachen und bewegen sich mehr“, erläutert Nadja Wölfelschneider, Heilerziehungspflegerin bei der Integra. Speziell Behinderte, die schwer aus sich herausgehen können, zeigen sich nach dieser Therapie offener. „Für sie ist das Tanzen mit dem Hund ein fester Bestandteil im Wochenablauf“, sagt Nadja Wölfelschneider.

Tatsächlich lockert das muntere Tier an Gabriele Gozdziejewskys Seite die Atmosphäre auf; prompt reißt sie die Arme hoch, quasselt mit der Frau in ihrer Nähe. So unbeschwert wie hier geht das sonst nicht.

Wenn Gabriele sich freut, bleibt Hündin Orca stets neben ihr. Und wenn die mal geknufft wird, wedelt sie fröhlich. Sie ist ein geduldiges Tier, darauf abgerichtet, jeden Wink ihrer Besitzerin zu befolgen. Ein Fingerzeig genügt, dass sie sich hinsetzt. Und wenn Callerin Andrea Kampfmann es will, tanzen die Menschen auch mal allein, und die Tiere bleiben zurück. Alle drei Hunde – neben Orca sind das die Australische Schäferhündin Jessie (Besitzerin: Ingrid Mohr) und die Schäferhundmix-Hündin Kimba an der Leine von Juliane Weber – müssen exakt reagieren und dürfen keinesfalls aggressive Neigungen zeigen, sagt Hundetrainer Thierolf.

Nur wenn sie vom Welpenalter an zunächst einen Junghundekurs, dann Aufbauseminare, einen Wesenstest und schließlich die Therapiehundeteamausbildung bestanden haben, dürfen sie in der Arbeit mit Behinderten eingesetzt werden. Die Leitung der Ausbildung obliegt dem Verein „Aktive Lebenshilfe mit Hunden“. Hündin Orca läuft noch immer mit ihrer Besitzerin und Gabriele Gozdziejewsky durch die Trainingshalle von Werner Thierolf. Von Ermüdung keine Spur. Seit vier Monaten üben sie bereits an der Schrittfolge zum Lied „Follow me“, und immer wieder fällt ihnen und Callerin Andrea Kampfmann eine bessere Choreographie ein.

Im Sommer werden sie gemeinsam öffentlich auftreten, bis dahin muss alles passen. Aber Gabriele Gozdziejewsky lacht. Wenn sie und ihre Begleiterinnen an diesem Nachmittag zurück nach Mümling-Grumbach fahren, haben sie was zu erzählen. Und sie freuen sich schon aufs nächste Mal, wenn sie die Hunde wiedersehen, die Musik erklingt und alle tanzen.

Quelle: Darmstädter Echo Lokales 21.3.2002