Bleistiftzeichnung: Bouvier

                 © Birgit Lemke

Leipzig (dpa) – Mehrere Minuten schon schlummert Asta zufrieden auf dem Rücken und genießt das sanfte Streicheln. Die siebenjährige Schäferhündin ist als Therapiehündin ausgebildet und lässt sich von Philipp verwöhnen. Für den 14-jährigen Gymnasiasten, der an Schulängsten leidet und zu wenig Selbstvertrauen hat, sind die Stunden mit der schwarz-haarigen Hündin Teil seiner Therapie. Die Leipziger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie setzt auch auf Hunde, um die seelischen Krankheiten von Kindern und Jugendlichen besser erkennen und heilen zu können.

Seit 1995 kamen 179 Mädchen und Jungen zu den jeweils halbstündigen Therapiesitzungen. »Wir haben viel mehr erreicht als wir zu hoffen wagten«, sagt die Leiterin der Klinik, Christine Ettrich. Vor allem bei der Diagnose von Krankheiten helfe es den Therapeuten, das Zusammenspiel von Kind und Hund zu beobachten. »Therapien, die nicht nur auf Gesprächen beruhen, sind bei Kindern wirksamer«, sagt die Professorin. »Mit der Diagnose können wir dann gut einschätzen, wie lange und intensiv die Therapie sein muss.«

Den Erfolg dieser ungewöhnlichen Therapie bestätigte eine Pilotstudie von 1996 bis 1998, für die 18 Mädchen und Jungen untersucht worden waren. Momentan erstellt die Ärztin Anke Prothmann eine umfangreiche Doktorarbeit, die alle bisherigen Teilnehmer einbezieht. Dafür nimmt sie an fast allen Sitzungen teil und wertet die Videobänder der Therapiestunden aus.

Mindestens fünf Mal kommen Hund und Patient zusammen, häufig werden die Therapien auch verlängert. Die Nachfrage nach diesen Stunden ist in der Universitätsklinik groß. »Für viele Kinder ist die Zeit mit dem Hund eine der schönste Stunden in der Woche«, sagt Pro-thmann. Jedes Kind reagiert anders auf das Angebot, eine halbe Stunde mit dem Tier spielen zu können, was es will. Manche Patienten toben gleich zu Beginn mit dem Hund wild durch den Raum und können kaum gebremst werden. Bei anderen Kindern muss sich das Tier dagegen die meiste Zeit mit sich selbst beschäftigen, weil sie sich nicht trauen, mit ihm zu spielen. Mitunter kommt es auch vor, dass sich der Hund verweigert und abwendet.

Bleistiftzeichnung: Bullterrierhündin Joice

                  © Birgit Lemke

Hunde sind besonders gut geeignet, um an Therapien mit psychisch kranken Kindern teil-zunehmen. »Die Tiere sind sehr bindungsfähig«, sagt Prothmann. »Kaninchen hätten nicht diese Wirkung.« Für viele Kinder sei es eine völlig neue Erfahrung, zunächst bedingungslos geliebt zu werden. Selbst bei autistischen Kindern, deren Eltern für sie mitunter teure Delfintherapien in den USA bezahlen, seien Erfolge nachgewiesen worden. »Die Therapie mit Hunden hat den Vorteil, dass sie direkt vor der Haustür liegt und über längere Zeit möglich ist«, sagt die Wissenschaftlerin.

Die Vierbeiner stellen sich sehr gut auf die Bedürfnisse der Mädchen und Jungen ein und passen sich ihren Wünschen an. Elf Hunde verschiedener Rassen kamen bisher in Leipzig mit den Kindern zusammen. Nur wenige Tiere können die hohen Anforderungen erfüllen und schaffen die anspruchsvollen Prüfungen für Therapiehunde. Sie dürfen sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen und selbst dann nicht beißen, wenn ein Kind seine Hand in ihr Maul steckt. Bisher schnappte auch kein Hund zu.

Um bei Bedarf dennoch schnell eingreifen zu können, sitzt immer der Hundehalter mit im Therapiezimmer. Dort streichelt Philipp weiterhin monoton Hündin Asta. »Er sieht es wahr-scheinlich als seine Pflichtaufgabe an, die er möglichst gut erfüllen muss«, sagt Prothmann. Diese Beobachtung hilft den Ärzten bei der Therapie entscheidend weiter: Sie schätzen Philipp als perfektionistisch und zwanghaft ein. Sein Selbstvertrauen soll daher verbessert werden. (Artikel als PDF-Dokument >>)

Quelle: Neue Ruhr Zeitung Kultur 21.3.2002 – Salzgitter-Zeitung Vermischtes 21.3.2002