Streicheleinheiten für Hundebesuchsgruppen sorgen bei Senioren für Wohlbefinden. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Vereins „Tiere helfen Menschen“ sind bundesweit aktiv.

Bleistiftzeichnung: Labrador

            © Birgit Lemke

ESSEN. Zimmer 106. Die bettlägerige Angelika Rothlübbers bekommt Besuch. Sam tapst herein, hechelt freudig und springt mit den Vorderpforten aufs Bett der 85-Jährigen. „Du bist ja ein tolles Tier“, lächelt die alte Dame und richtet sich auf, um Sams Kopf zu kraulen. Tiere helfen Menschen – eine Idee, die nicht nur das Essener Alten- und Pflegeheim „Marienhaus“ für sich entdeckt hat. Sams Besitzerin Anja Kollmannsberger ist Studentin. Die 29-Jährige hat sich einer Hundebesuchsgruppe angeschlossen, die von der Mülheimer Hundetrainerin Inga Böhm ins Leben gerufen wurde.

Sam und Anja sind ehrenamtlich unterwegs und haben Spaß an ihrem Job. Die Besuchten loben „den braven Hund“, für den auch immer ein Leckerchen abfällt. Zu einer der schönsten Begegnungen von Frauchen zählt die mit einer 100-Jährigen: „Sie hatte so viel Vertrauen zu Sam, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Hund gestreichelt hat.“

Hundeerzieherin Inga Böhm weiß, dass die Tiere Abwechslung in den Alltag der Alten bringen, für Freude und Gesprächsstoff sorgen, „der die eigenen Krankengeschichten ein wenig vergessen macht“. Auch mit der Hygiene gebe es keine Probleme. „Alle Tiere sind geimpft und wurmfrei“, versichert die 25-Jährige. Und natürlich sind die Hunde gutmütig. So wie Schäferhund-Labrador-Mischling Baghira, den gerade „Marienhaus“-Bewohnerin Elisabeth Sperling tätschelt. „Du brauchst auch ein bischen Liebe“, flüstert die 88-Jährige, die sich zu Baghira hinunterbeugt und in diesem Moment ihre schwere Gehbehinderung vergisst.

Georg Bonerz, Leiter der Einrichtung, nickt zufrieden. „So viel Normalität wie möglich“ möchte der 52-Jährige herstellen und beherbergt deswegen auch Schildkröten, Kaninchen und Wellensittiche in seinem 112-Betten-Haus. „Die Menschen kommen zu uns, weil sie nicht mehr alleine leben können. Wir können niemand sagen: Dies ist jetzt Ihr neues Zuhause! Aber wir wollen dafür sorgen, dass sich die Leute wohlfühlen.“ Die Erfahrung, dass Hundebesuche hierbei helfen können, hat auch das Essener Altenkrankenheim Lambertus gemacht. Viele der 64 Bewohner sind altersverwirrt. Seit zwei Jahren gibt es hier Hundebesuchsgruppen. „Wir wollen unseren Bewohnern einen regelmäßigen Kontakt zu Tieren ermöglichen“, erklärt Altentherapeutin Elisabeth Hohlmann, deren Labradorhündin Jule zusammen mit Dackel Andrusch und dem Mischlingsrüden Rufus zu den Haushunden des Heims gehören.

„Die Tiere sind unsere Brückenbauer. Sie vertreiben dunkle Gedanken und Depressionen“, hat die Therapeutin festgestellt. Dann erzählt sie von ihrer Jule, die vor kurzem neun Welpen geworfen hat. Die Kin-derstube der Labradore lag neben der Trauerhalle des Heims. „Viele Menschen, die dort von einem Verstorbenen Abschied genommen haben, schauten danach bei den Hunde-Babys vorbei.“ Beim Kuscheln mit den Welpen versiegten die Tränen.

„Ich bin glücklich“, hat Elisabeth Hohlmann schon häufig gehört, wenn ein Hund seinen Kopf vertrauensvoll auf das Knie einer Seniorin gelegt hat. „Wir haben Bewohner, die durch Erfahrungen mit Menschen bitter wurden und sich völlig abschotteten. Die Hunde haben die Blockaden gelöst.“

In Alten- und Pflegeeinrichtungen könnte sicherlich auf so manche Medikamenten-Gabe verzichtet werden, wenn mehr Tiere eingesetzt würden, meint die 49-Jährige und verweist auf Erfahrungen in England. „Dort sind Hunde seit vielen Jahren gern gesehene Gäste in Altenheimen und Krankenhäusern. Ähnlich ist es in der Schweiz.“ In Deutschland macht der Verein „Tiere helfen Menschen“ Werbung für die Therapeuten auf vier Pfoten. Graham Ford, 1. Vorsitzender, begründet sein Engagement mit Studien aus den USA: „Das Streicheln eines Tieres vermittelt das Gefühl von Sicherheit, Kameradschaft und trägt zum psychischen und physischen Wohlbefinden bei.“ Auch Fords Helfer besuchen mit ihren Hunden Bewohner von Alten- und Behindertenheimen in ganz Deutschland. „Selbst Alzheimer-Patienten, die monatelang kein Wort gesprochen hatten, haben wir das Lachen zurück gebracht.“

Infos: Inga Böhm (Tel: 0208/37 87 727) und dem Verein „Tiere helfen Menschen“ Cordula Wojahn-Willaschek (Tel: 0201/87 17 331). (NRZ)

Quelle: Neue Ruhr Zeitung Vermischtes 17.6.2001

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