VON DUNKELZIFFERN UND EISBERGSPITZEN

Wenn die Angst vor Gewalt die Politik dominiert: Über die geplante Ausrottung einer Tierrasse

Martin Z. Schröder

Bleistiftzeichnung: English Bulldog

         © Birgit Lemke

Am Anfang des Jahrhunderts drohen vermeintliche Gewaltkatastrophen politikbestimmend zu werden. An der Struktur der öffentlichen Auseinandersetzung sind Irrationalität und Zweck sicher zu erkennen.

Um 1990 begann eine zehn Jahre dauernde Debatte um den sexuellen Missbrauch von Kindern, die erstarb, nachdem einige Frauen sie zur Aufrechterhaltung feministischer Kämpfe benutzt hatten und große Missbrauchsprozesse platzten. Es gab zu viele unschuldige Eltern und Großeltern, Onkel und Tanten unter Verdacht und unberührte Kinder in Heimen. Die Kampagne „Väter sind Täter“ erwies sich als Irrtum. Den Erkennungsmethoden der Aufklärerinnen wurde von professioneller Seite Untauglichkeit bescheinigt, beispielsweise das Deuten von Kinderzeichnungen oder Spielen mit naturalistischen Puppen zur Erforschung kindlicher Erlebnisse. Ausläufer waren Diskussionen um sexuelle Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz, von denen man heute kaum noch hört. Das Problem verbreiteter sexueller Gewalt erwies sich als eine mediale Konstruktion, eine auf Einzelfällen aufgebaute Fantasie von massenhaften Vorkommnissen, die nicht am Leben gehalten werden konnte, weil zu wenig passierte.

Danach wurden Jugendkriminalität und Jugendgewalt entdeckt und geschlossene Heime diskutiert.

Bleistiftzeichnung: Staffordshite Bullterrier

                   © Birgit Lemke

Die Jugendgewaltdebatte erstarb recht plötzlich und vielleicht noch nicht endgültig am Brandenburger „Fall Sissy“, einer der Vorbereitung des Mordes verdächtigten Schülerin in Brandenburg, die von Pädagogen, Polizisten und Staatsanwälten verfolgt wurde, bis auf Betreiben eines Rechtsanwaltes ein psychologisches Gutachten den Jugendrichter zur Haftentlassung des Mädchens veranlasste. Zurzeit hört man wenig von den angeblich immer brutaler werdenden Jugendlichen. Nur die jungen Rechtsradikalen sind noch immer Thema, mit nachlassender Tendenz.

Von den Katastrophen profitierten immer dieselben pädagogischen und polizeilichen Berufsgruppen, die aus Konflikten zwischen Menschen ihre professionelle Existenzberechtigung ziehen und gern eine Allianz mit den Medien eingehen. Die Behandlung von sozialen Problemen ist ein blühender Wirtschaftszweig.

Stets gleicht sich die Rhetorik. Erst werden schlimme Einzelfälle dokumentiert, dann die Symptome verbreitet und so neue Opfer rekrutiert, schließlich Statistiken bemüht, und, wo diese nicht ausreichen, die „Dunkelziffer“ herangezogen, die immer riesig sein soll, obwohl sie ja im Dunkeln eigentlich nicht zu sehen sein kann. Überall tauchen „Spitzen von Eisbergen“ aus vermeintlich friedlichen Wassern. Bis zu 62 Prozent aller Frauen wurden als Opfer von sexueller Gewalt errechnet, allerdings fand sich, wenn man nachfragte, in dieser Statistik auch das Hinterherpfeifen auf der Straße als sexueller Missbrauch definiert. Und wenn sich ein Zahlenwerk seinerseits als missbraucht erweist, beispielsweise Kriminalität nicht real gestiegen ist, wie in der polizeilichen Statistik abzulesen, sondern durch verstärkte Polizeiarbeit mehr entdeckt wird, dann heißt es unbeirrt: „Jeder Fall ist einer zu viel.“ Die Massen von Betroffenen brauchen einen Feind. So werden des Missbrauchs verdächtigte Väter verfolgt, die vielleicht von der Ehefrau vor dem Scheidungsprozess nackt mit dem Kleinkind gesehen wurden. Oder es werden Gymnasiasten der Mordvorbereitung bezichtigt, weil sie ein böses Scherzgedicht gegen Lehrer geschrieben haben. Auch die Skeptiker werden zum Feind erklärt oder, fallweise, zu psychotischen Betroffenen, die eigene Probleme verdrängen, wenn sie dem Burn-out-Syndrom, multipler Persönlichkeit, der Entführung durch Außerirdische, Rinderwahn und organisierter Kriminalität mit Nachfragen begegnen. Die amerikanische Psychologiehistorikerin Elaine Showalter meint, dass hysterische Syndrome und soziale Krisen, multipliziert mit medialer Aufmerksamkeit, sich zu kollektiven paranoiden Epidemien mit fanatischen Zügen ausweiten.

Die derzeitige Hysterie ist die Angst vor Hunden, besonders vor Kampfhunden. In der Tat schreckliche Einzelfälle werden ausführlich in den Medien ventiliert, grauenvolle Fotos von zähnefletschenden „Bestien“ verbreiten Angst und Schrecken. Aus dem Lokalteil dringt das Hundeproblem in die Leitartikel und Karikaturen. Hundehasser Goethe dient als nobler Beweis.

Begründet wird das Vorgehen gegen die so genannten „Kampfhunde“ nicht mit erwiesener Bedrohung, sondern mit dem Gefühl des Bürgers, mit seiner Angst. Notfalls wird das Tier gequält, damit es sich als Fotomodell für die Pflege von Bedrohungsgefühlen eignet. Ein Hund, der ins Gitter seines Käfigs beißt, muss auf abscheuliche Weise in Rage gebracht worden sein. Auf anderen Fotos sieht man Hundehalter ihre Tiere strangulieren, damit sie mit aufgerissener Schnauze ihre Zähne zeigen, vom Weitwinkelobjektiv entsprechend verdeutlicht. Solche Hundehalter und Fotografen gehören vor den Strafrichter. Aber auch das Nietenhalsband macht Angst, und Schlitzaugen wirken auf den rundäugigen Mitteleuropäer sowieso aggressiv, das kennt er von der „gelben Gefahr“. Zu den Bildern kommen dann die naturalistischen Schilderungen von tatsächlich geschehenen Gräueltaten, abgebissenen Gliedmaßen. Das erinnert daran, wie im Ersten Weltkrieg den Belgiern unterstellt wurde, sie schlachteten deutsche Babys, um sie zu Seife zu verarbeiten.

Feindbilder aufzubauen hat in Deutschland Tradition, und nur Skepsis kann davor feien: Wie viel Schaden richtet welche Hunderasse denn wirklich an? Sind alle Besitzer von Tieren einer oder mehrerer ähnlicher Rassen tatsächlich aggressive, rücksichtslose Menschenfeinde? Warum kommen denn nie Halter von Pitbulls zu Wort und bekommen die Möglichkeit, die Schönheit und die Vorzüge ihrer Tiere zu erklären? Man kann im Kampfhund auch ein majestätisches Tier entdecken, der Staffordshire Bullterrier hat eher einen sentimentalen als einen bösen Gesichtsausdruck. Und manche Leute würden einen weißen, an ein Schweinchen erinnernden Bullterrier auf jeden Fall einem bemitleidenswerten Chinesischen Nackthund vorziehen oder einen kalbsgroßen gemütlichen Mastiff einem Yorkshire Terrier mit Schleifchen im Haar.

Bleistiftzeichnung: Yorkshire Terrier

              © Birgit Lemke

Aber der persönliche Geschmack, was jemand schön oder hässlich findet, kann nicht die Rechtslage bestimmen. Warum sollen Einzelfälle und aus Medienalarm resultierende Bedrohungsgefühle zur Vernichtung einer ganzen Tierrasse führen? Wenn sich der brave Bürger von Ausländern bedroht fühlt, werden glücklicherweise auch nicht gleich die Grenzen geschlossen.

Eine Gefahr, vom Hund schwer verletzt zu werden, kann man in Berlin, eine der hundereichsten deutschen Städte, nicht einmal mühsam herbeirechnen. Keine Statistik zählt die von Hunden gebissenen Menschen verbindlich. Bellen, Anknurren, Beißen unter Hunden, Anspringen, Beißen von Menschen – alles wird in den Zählungen zusammengerührt, wie viel Hunde es in der Stadt gibt, kann man nur ahnen. Die Zahl der Terrier und Doggen ist erst recht unbekannt. Klaus Schaarschmidt, Direktor der Kinderchirurgie Buch, gibt an, in Berlin seien in fünf Jahren 24 Kinder von Hunden schwer verletzt worden, wobei sich 85 Prozent der Verletzungen im Haushalt zugetragen hätten.

Man rechne selber nach: 15 Prozent von 24 schweren Verletzungen in fünf Jahren, das sind pro Jahr 0,72 Verletzungen, die nicht im Haushalt stattfinden. Legt man andere Schätzungen zu Grunde, die die Zahl der Verletzungen in der eigenen Wohnung bei 95 Prozent sehen, ist eine Gefahr, auf der Straße von einem Hund schwer verletzt zu werden, kaum noch zu erkennen. Im Urban-Krankenhaus zwischen den Berliner Kampfhunde-Zentren Kreuzberg und Neukölln behandelt man sehr selten Verletzungen durch Hunde, höchstens mal einen Kratzer oder Folgen eines oberflächlichen Schnappens durch einen Hund, der sich erschreckt hat. Verletzungen durch aggressive Hunde kommen so gut wie nie vor, und an Terrier-Bisse kann man sich gar nicht erinnern.

Bereits nach dem 1998 novellierten Tierschutzgesetz ist die Züchtung und die Abrichtung von Schutzhunden genehmigungspflichtig. Tiere mit Hilfe von schmerzvollen Praktiken aggressiv zu machen, ist unter Strafandrohung verboten. Das reicht den aufgeregten und verängstigten Hundegegnern nicht aus. Man will, wie immer in den Fällen der Massenhysterie, das Problem komplett lösen, mit Stumpf und Stiel ausrotten. So wie die Amerikaner voll moralischer Inbrunst Menschen einschläfern, verabreichen sie auch anderthalb Millionen Hunden jährlich die Giftspritze. Nach diesem Vorbild forderte der Deutsche Kinderschutzbund schon vor Jahren, alle Kampfhunde zu töten. Bundesinnenminister Otto Schily peitscht die Hysterie an, indem er seit einem Jahr predigt: „Kampfhunde sind gefährliche Waffen. “ Aber Panikmacherei gehört nicht zu den Aufgaben eines Politikers.

Dass sich Probleme nicht endgültig lösen lassen, muss der moderne Mensch hinzunehmen lernen.

Bleistiftzeichnung: Brauni & Kuddel

                         © Birgit Lemke/in-sahen-hund.de

Solange es Menschen gibt, werden sie ihre Interessen miteinander aushandeln müssen, wird es Verstöße gegen die Ordnung geben, auf die man reagieren muss, ohne aber damit alle Menschen staatlichen Regulierungen zu unterwerfen. Solange es Eigentum gibt, wird es Diebstahl geben und Betrug. Solange die Menschen sich lieben und streiten, eifersüchtig sind und gierig, werden Mord und Totschlag vorkommen. Alle Menschen einzuschläfern wird jedoch vernünftigerweise unterlassen. Wer ein Auto kauft, kauft den Unfall dazu. Auf einer viel befahrenen Autobahn sind Karambolagen mit tödlichem Ausgang unausweichlich. Die Bedrohung von Kindern durch wild gewordene Autofahrer übersteigt die durch wild gewordene Kampfhunde um ein Vielfaches.

Solange der Mensch sich einen Hund hält, und das tut er wohl aus gutem Grund und seit Jahrhunderten, insbesondere in Berlin, wird es auch zu Beißereien kommen. Mit Prävention ist keinem Problem beizukommen. Das Strafgesetzbuch hat keinen Totschlag verhindert, und man weiß heute, dass drakonische Strafen mehr Schaden anrichten als Straftaten verhindern. Die Todesstrafe brutalisiert eine ganze Gesellschaft, das Gefängnis produziert Kriminelle. Deshalb sollte man, sobald von Eisbergen mit Spitze und vom alarmierenden Anstieg tagheller Dunkelziffern die Rede ist, zunächst eines tun: Baldrian verabreichen.

Quelle: Textarchiv der Berliner Zeitung, Magazin – Seite M5, 03.06.2000  (Artikel als PDF-Dokument >>)