Kein Job, kein Geld – das Haustier muss weg!

VON HEINRICH JACOB

In Millionen deutschen Haushalten leben Katz und Hund ein schönes, sorgenfreies Leben. Natürliche Feinde gibt es nicht – außer vielleicht dem Automobil. So war es jedenfalls. Jetzt ist ein neuer, mächtiger Feind aufgetaucht. Er heißt Hartz IV.

Bleistiftzeichnung: Labrador

                  © Birgit Lemke

Das Tierheim in München ist eins der größten in Deutschland. Im Jahresdurchschnitt werden hier etwa 6200 Tiere aufgenommen, betreut oder vermittelt. Die jetzt aufgestellte Jahresbilanz für 2004 erschreckt die Betreuer: 7600 Tiere wurden 2004 hier abgeliefert – Tendenz steigend. Und München ist keine Ausnahme. Beim Deutschen Tierschutzbund in Bonn stellt man einen eindeutigen Trend fest. Vorsichtige Schätzungen der Bonner gehen davon aus, dass es bundesweit mehr als 300 000 Tiere sein werden, die in diesem Jahr in Heimen abgegeben werden. Eine Mitarbeiterin: „Es ist schlimm, damit hat niemand gerechnet.“ Sprecher Thomas Schröder schränkt trotzdem vorsichtig ein: „Ich kann keinen Zusammenhang zwischen Hartz IV und der Abgabe von Tieren herstellen.“

Bald wird er es wohl müssen. Überfüllte und überforderte Tierheime wenden sich schon jetzt nach Bonn und bitten die Bundesorganisation um Rat und Hilfe. Hartz IV wird mittlerweile so oft als Begründung für die Trennung vom Haustier genannt, dass viele Tierschutzvereine außerdem eine Petition verfasst haben, die sie der Bundesregierung vorlegen wollen. In Supermärkten in Leipzig liegen Unterschriftenlisten aus, Tierschutzvereine schreiben ihre Mitglieder an. Ziel der Aktion: Hans Eichel soll einen Sonderfonds einrich-ten, mit dem die Tierschützer wegen der Ausnahmesituation entlastet werden.

Gudrun Bernhardt vom Tierheim Laue hat die Begründung „Hartz IV“ mittlerweile so oft gehört, dass sie es künftig genau wissen will: „Wer bei uns noch ein Tier mit dem Hartz-Hinweis abgeben will, muss mir eine schriftliche Bestätigung vorlegen. Der Bescheid vom Arbeitsamt genügt.“

Auch sie kooperiert mit anderen Tierheimen, sammelt Unterschriften. Ihre kleine Betreuungsstation platzt aus allen Nähten. 69 Hunde und 80 Katzen müssen hier auf engem Raum leben. So viele wie noch nie. Und es hat auch nichts damit zu tun, dass der Januar generell für viele Tierheime ein Krisenmonat ist, weil jetzt die lebenden Weihnachtsgeschenke abgeliefert werden. Wie hier herrscht in vielen kleinen Heimen die pure Verzweiflung.

Soweit ist es in München noch nicht. Angelika Kretschmer: „Ein Tier kostet Geld, das sagen wir den Leuten immer wieder.“ Und zur letzten Entwicklung: „Begründung für die Trennung vom Haustier ist einfach immer häufiger wirtschaftliche und soziale Not. Das Geld ist einfach nicht mehr da. Viele schämen sich jedoch zu sagen, dass sie sich ihr Tier nicht mehr leisten können.“

Die Rechnung ist einfach: Bei rund 350 Euro Arbeitslosengeld II reißt allein das Futtergeld von bis zu 50 Euro für einen mittelgroßen Hund ein großes Loch in die Haushaltskasse. Hinzu kommen Steuern, Tierarztkosten, Haftpflichtversicherung, Pflegemittel. Allein die Hundesteuer kann heute je nach Rasse von 40 bis zu 600 Euro im Jahr kosten. Eine jährliche Routineimpfung und Untersuchung beläuft sich auf rund 60 Euro.

Werden Hund oder Katze ernsthaft krank, vervielfachen sich die Tierarztkosten. Ein Herzmedikament für ein Tier ist kaum preiswerter als das für einen Menschen. Fällt gar eine Operation an, sind auch schon mal 500 Euro oder mehr fällig.

Auch die Franken hat das Problem mittlerweile erreicht. Beate Winkler ist Vorsitzende des Tierschutz-vereins in Coburg und zuständig für das Tierheim. Sie sagt: „Die Entwicklung ist eigentlich eine logische Schlussfolgerung der sozialen Situation insgesamt. Kein Job, kein Geld, das ist das Problem, unter dem letztlich die Tiere zu leiden haben.“ Speziell in Coburg gebe es außerdem noch ein zweites Problem für Tierfreunde: In immer weniger Wohnungen werde die Tierhaltung erlaubt.

Nur ein kleiner Trost wird es für betroffene Hundehalter sein, dass Hartz-IV-Empfängern auf Antrag die Hundesteuer erlassen werden kann. Aber Futter, Arzt und Versicherung werden trotzdem weiterbezahlt werden müssen. So wie es aussieht, passen Hartz und Hund einfach nicht zusammen.

Teures Tier

Was kostet ein Hund in Deutschland? Die aktualisierte Aufstellung des deutschen Tierschutzbundes über einen mittelgroßen Hund stammt aus dem Jahr 1999.

Das Tier kostet in seinem zwölfjährigen Leben:

Anschaffung: 125 bis 1250 Euro
Futter: 4000 Euro
Tierarztkosten: 2000 Euro
Steuer: 600 Euro
Haftpflicht: 1200 Euro

Quelle: www.frankenpost.de/nachrichten/standpunkte/resyart.phtm?id=748635 / 02.02.2005