Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen Sozialforscherin und Fachbuchautorin, Esslingen

© Birgit Lemke

Der amerikanische Verhaltensforscher Allan Beck erkannte schon vor Jahren: „Es gibt Menschen, die Hunde lieben, und es gibt Menschen, die Menschen hassen, weil sie Hunde lieben.“

Zu den Menschen, die Hunde lieben, gehören fast alle Kinder. Bei den Hassern gibt es zwei Gruppen: Diejenigen, die sich durch Hunde belästigt oder bedroht fühlen, und diejenigen, die an sich nichts gegen Tiere haben. Im Gegenteil, sie lieben die Vierbeiner. Aber sie meinen, in der Stadt Hunde zu halten, sei Tierquälerei, und deshalb hassen sie die Tierhalter.

Damit kein Missverständnis entsteht: Ein strenges Hundeverbot auf Spielplätzen versteht sich von selbst. Aber fragt man die Stadtreinigungs- und Gartenbauämter deutscher Städte, dann zeigt sich, dass die Sauberkeitsfachleute Hundedreck als ein absolut zweitrangiges Thema klassifizieren. Ärger und immer mehr Kosten verursachen nicht die Hinterlassenschaften der Vierbeiner, sondern der Zweibeiner: Plastik, Papier, Kaugummireste, Glasscherben. Hinzu kommt die tägliche Zerstörung von Spielplatzgeräten, Bänken und Zäunen. Also bitte die Kirche im Dorf und die Hunde in der Stadt lassen!

Eine weitere Attacke gegen Stadthunde und ihre Besitzer kommt auf leisen Pfoten, scheinbar ganz tierfreundlich daher: Das Stadtleben mache die Hunde kaputt und degeneriere sie zu vermenschlichten Wesen. Grundfalsch diese Behauptung: Es gibt Rassen, die weniger Bewegung brauchen und mit ihrer städtischen Umgebung durchaus zufrieden sind. Außerdem setzt diese Rede einen Begriff von Degeneration voraus, der die biologische Situation verkennt.

Der Hund ist wie kein anderes Tier vom Menschen geprägt. Er hat, wie sein Herr, einen Kulturprozess durchlaufen, der ihn von seiner Urform (über die es ohnehin Streit gibt) weit entfernt hat. Ebenso wenig wie ein Großstadtbewohner Ähnlichkeit mit dem Neandertaler hat, gleicht der Hund dem Wolf oder dem Dingo. Wer den heutigen Hund degeneriert nennt, muss auch den Menschen als degeneriert bezeichnen.

Bleistiftzeichnung: Mischlinge

© Birgit Lemke

Städter sind heute der Natur auf bedenkliche Weise entfremdet. In Italien verbinden Kinder mit dem Wort „Glühwürmchen“ nur noch Prostituierte, und deutsche Stadtkinder kennen schon längst keine Nutztiere mehr. Demnächst werden nicht einmal Ferien auf dem Bauernhof noch echte Erfahrung mit Tieren vermitteln: Einen modernen Stall darf kein Kind mehr betreten.

Früher gab es viele Tiere in der Stadt, und die Menschen hatten bis in unser Jahrhundert hinein Gelegenheit, sie zu erleben: Kleintiere im Hof, Pferde in vielerlei Funktionen. Es gab Tiermärkte und Tierherden, von denen städtische Tornamen noch Kunde geben. Heute sind vor allem – neben Mäusen, Meer¬schweinchen, Vögeln und Zwergkaninchen – Hund und Katze übrig geblieben.

Diese Verarmung betrifft besonders Kinder und alte Menschen. Kinder lernen im Umgang mit Tieren Rücksicht, Fürsorge und eine Menge jener Sekundär-Tugenden, die wir zu Recht nicht mehr mit Strenge und Strafen einbleuen wollen: Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordnungssinn. Kinder erfahren Tiere als Tröster in Konflikten, die sie mit Erwachsenen haben. Ein Hund ist zeitweilig der beste Freund und unersetzbar.

Wer ein Heimtier hält, lebt gesünder und länger. Wer Tiere hält, bleibt im Alter lebendiger und offener für seine Umwelt: alte und apathische Menschen in Pflegeheimen werden durch ein Tier auf der Station wieder aktiv.

Tiere tun vor allem einsamen Menschen gut und solchen, die, aus welchen Gründen auch immer, am Rand unserer Gesellschaft leben: körperlich oder seelisch Kranke, auch Obdachlose. Stadtstreicher bekommen deshalb in einigen Städten das Hundefutter vom Sozialamt bezahlt.

Der Umgang mit Tieren ist eine Grunderfahrung der Menschen. Wir wissen, dass uns etwas fehlt, wenn wir uns nur mir Selbstgemachtem umgeben und die Natur nicht mehr an uns heranlassen. Durch die Heimtiere halten wir Anschluss an eine Welt, die uns immer ferner wird.

Tiere entziehen sich unserer Gewohnheit, mit den anderen nach der Soziologie des Akkusativs umzugehen: Beraten und Beschulen, Beaufsichtigen und Bewachen, Begutachten und Betreuen. Tiere brauchen Toleranz, Geduld und Einfühlungsvermögen. Sie funktionieren nicht wie ein Auto – aber gehören deshalb wirklich nur Autos in die Stadt?

Quelle: „Leinenzwang, eine Fessel für den Hund“ – Interessengemeinschaft Deutscher Hundehalter e.V. – (Artikel als PDF-Dokument >>)