Bleistiftzeichnung: Laufende Hunde

                          © Birgit Lemke

Sogar Menschen sind ein Teil der Natur. Alle Nahrung, von der wir leben, entsteht aus biologischen, also natürlichen Vorgängen. Selbst Gentechnik baut auf Natur auf. Wir Menschen aber neigen zu einer maßlosen Selbstüberschätzung. Wir meinen, die Götter in unserer selbsterschaffenen Kunstwelt zu sein. Dabei übersehen wir gern, wie krank sie ist.

Auch ein Hund ist noch Natur, bei aller Züchtung und Domestikation, also nicht vom Menschen gemacht. Wer sich einen anschafft, holt sich also ein Stück Natur ins Haus. Und genau davor haben viele heute Angst. Aus Entfremdung von der Natur ertragen viele Mitbewohner künstlicher Umwelten die Begegnung mit allem nicht mehr, was unabhängig vom Menschen besteht, sicher auch aus schlechtem Gewissen nach soviel gedankenloser Zerstörung. Die Abschaffung der Natur ist eine Verdrängung. Früher sind Kinder mit Tieren aufgewachsen und konnten im weiteren Leben selbstverständlich mit ihnen umgehen. Heute wird man mit Computern und Autos groß. Natur macht nur mehr Angst oder wird nur schön gefunden, wenn man sie auf der heimischen Mattscheibe oder durch die getönten Fenster eines Ausflugsbusses sehen kann.

Ein anderes Lebewesen stellt seine eigenen Ansprüche. Wenn man heutzutage meint, sie einfach übergehen zu können, und Tiere behandelt wie Maschinen, die sich nach Bedarf einsetzen, zwischendurch abschalten und beliebig umbauen lassen, dann ist das eine gefährliche Einstellung:

1. Unser Verhältnis zur Natur und damit unser aller Lebensgrundlage wird weiter zerstört. Menschen, die so aufgewachsen sind, können nicht mehr verantwortlich entscheiden. Politiker, die einen Leinenzwang vertreten, haben offenbar nicht die leiseste Sachkenntnis, schlimmer, sie merken nicht einmal, dass hier Sachkenntnis möglich und nötig wäre. Wir sollten sie dafür bedauern – was für eine arme Kindheit müssen sie durchgemacht haben!

2. Wer verlernt, lebende Wesen zu verstehen, der behandelt am Ende auch Menschen nur noch als Wirtschaftsfaktoren. Der eigene Hund zu Hause kann den Blick für den Unterschied zwischen Leben und Funktionieren lehren. Und davon hängt für uns und unsere Zukunft sehr viel ab; ein Leinenzwang ist also auch eine soziale Frage.

Es geht also nicht nur um Bequemlichkeit in einer Plastik- und Betonumwelt, sondern um naturfeindliche Zensur. Tiere soll es nur noch als putzige Plüschfiguren geben. Am Ende wird dann vielleicht jede Hundehaltung überhaupt verboten, wie in Reykjavik (Island). Der Hund, der frei herumläuft, findet eher ein Versteck, wo sein Häufchen nicht stört, als wenn er gezwungen ist, immer eng bei Fuß zu laufen. Noch wichtiger: Er kann keine gesunden eigenständigen Beziehungen zu Menschen oder zu anderen Hunden entwickeln. Er beißt eher als einer, der frei laufen kann.

Bleistiftzechnung: Mischlinge

               © Birgit Lemke

Ein „Kampfhund“ wird nicht geboren, sondern durch bösartige Erziehung erst dazu gemacht. Daran ändert auch die Leinenführung nichts. Auch ein Auto ist nichts an sich Böses, sondern wird durch unvernünftige Raser erst gefährlich. Niemand wird deshalb das Autofahren überhaupt verbieten. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: die Zahl der Personenschäden im Straßenverkehr ist um so unvergleichbar viel höher als die durch Hundebisse, dass nach der angewandten Logik jegliches Autofahren sofort verboten werden müsste. Auch daran sieht man die völlig verzerrten Maßstäbe, mit denen von Naturphobiekranken Politikern heutzutage gearbeitet wird.

Autor: Dr. Michael Werner, Ethologe, München

Quelle: „Leinenzwang, eine Fessel für den Hund“ – Interessengemeinschaft Deutscher Hundehalter e.V.